Moskau schweigt weiter über Art des eingesetzten Gases

29. Oktober 2002, 10:03
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Experten vermuten militärischen Kampfstoff - Spekulationen über zusätzlich verwendete elektronische Waffe

Moskau/Wien - Mit einem landesweiten Trauertag gedachten die Russen am Montag der 117 unschuldigen Opfer des Moskauer Geiseldramas. Am Ort des Geschehens, dem Musical-Theater, legten Menschen Blumen nieder. Im ganzen Land wehten die Fahnen auf Halbmast. In Moskau wurden alle Unterhaltungsveranstaltungen abgesagt, ebenso das für Mittwoch geplante Champions-League- Spiel Spartak Moskau gegen FC Basel. Gleichzeitig ging das Rätselraten über das bei der Aktion von den Sicherheitskräften eingesetzte Gas weiter. Alle Opfer außer zwei (sie kamen durch Schüsse ums Leben) starben offiziellen Angaben zufolge an einer Gasvergiftung. Unter den getöteten Geiseln ist die Österreicherin Emilia Predova-Uzunov (43). Von den Überlebenden befinden sich weiterhin Dutzende in kritischem Zustand.

Die russischen Behörden machten weiter keine Angaben zu der Art des Gases. Es seien besondere Mittel eingesetzt worden, hieß es lediglich. Diese hätten es ermöglicht, auch jene Täter auszuschalten, die Bombenpakete am Körper getragen hätten.

Internationale Experten bezweifelten, dass es sich um ein Anästhesie-Gas gehandelt haben könnte. Peter Hutton von der britischen Anästhesie- Vereinigung sagte, er kenne kein Anästhesie-Gas, das in der in Moskau eingesetzten Art und Weise wirke: "Es handelt sich mit Sicherheit um etwas, das nur vom Militär entwickelt, besessen und angewandt werden kann."

Der Giftgasexperte Helmut Hönig vom Institut für organische Chemie der Technischen Universität Graz sagte am Montag zur APA, ein ungefährliches Knockout-Gas, das schnell wirke, "gibt es nicht".

Wahrscheinlich sei "irgendein modernes Narkosegas" eingesetzt worden, das schnell wirke, aber in sehr hoher Dosierung eben auch tödlich sein könne.

Hönig hielt auch den Einsatz von Lachgas für möglich, was deutsche Experten zuerst für wahrscheinlich gehalten, später aber ausgeschlossen hatten.

Unterdessen kursieren Spekulationen, die russischen Spezialeinheiten hätten zusätzlich zu dem mysteriösen Gas eine geheime (E-)Waffe mit Hyperfrequenz eingesetzt. Damit seien die Zünder an den Bomben der Terroristen ausgeschaltet worden. In einem Bericht der französischen Zeitung Le Parisien hieß es, die Waffe zerstöre nicht nur alle elektronischen Geräte, sondern heize auch die Wassermoleküle im menschlichen Körper auf. Die so genannte Mikrowellenwaffe wurde nach Informationen des New Scientist von den USA entwickelt, um möglicherweise beim Angriff auf den Irak zum Einsatz zu kommen.

Der Psychiater Reinhard Haller bezeichnete in der ORF-Sendung "Offen gesagt" den Einsatz des Betäubungsgases als "medizinische Katastrophe". Es sei wahrscheinlich, dass die Überlebenden abgesehen von den üblichen posttraumatischen Störungen auch organische Folgen davontrügen, weil das Gas auch ihr zentrales Nervensystem geschädigt habe.

Bei der Aktion im Moskauer Musicaltheater am Samstag sind 117 Geiseln ums Leben gekommen, 115 davon durch das Gas, das von den russischen Spezialeinheiten bei der Erstürmung eingesetzt wurde, um die tschetschenischen Geiselnehmer am Zünden ihrer Sprengstoffgürtel zu hindern. Unter den Toten befindet sich auch die österreichische Geschäftsfrau Emilia Predova-Uzunov (43).(DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2002)

  • Weiterhin kann nur spekuliert werden, welches Gas bei der Stürmung des Moskauer Theaters eingesetzt wurde.
    foto: epa/itar-tass

    Weiterhin kann nur spekuliert werden, welches Gas bei der Stürmung des Moskauer Theaters eingesetzt wurde.

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