Keine Angst vor Lula

28. Oktober 2002, 12:09
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Europäische Finanzmärkte nehmen den Wahlsieg des sozialistischen Kandidaten in Brasilien positiv auf

Madrid/London - Der erwartungsgemäße Sieg des sozialistischen Kandidaten Luiz Inacio Lula da Silva bei den Präsidentschaftswahlen in Brasilien ist am Montag an den Finanzmärkten Europas positiv aufgenommen worden.

Brasilianische Anleihen und die Landeswährung Real reagierten im europäischen Handel mit Kursgewinnen. Auch die Aktienmärkte in Spanien, wo viele Unternehmen stark in dem größten Land Lateinamerikas engagiert sind, zogen an. Die Anleger hatten sich bereits einige Tage vor der Stichwahl nach beruhigenden Äußerungen aus Lulas Arbeiterpartei (PT) mit ihm als neuem Staatsoberhaupt abgefunden. Analysten warnten jedoch, die Erholung könnte schlagartig beendet sein, sollte er sich nicht an sein Versprechen halten, eine solide Wirtschafts- und Finanzpolitik zu betreiben.

Im Londoner Handel kletterte der Kurs des richtungweisenden brasilianischen C Brady Bond am Montag zeitweise um knapp einen Prozentpunkt auf über 58 Prozent des Nennwerts und damit auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Monaten. Auch der Real stieg leicht an. Der Dollar liegt mit Kursen um 3,70 Real aber weiter knapp 40 Prozent über dem Niveau zu Jahresbeginn. Der Madrider Aktienindex IBEX 35 notierte rund 2,3 Prozent fester. Besonders die Aktien großer spanischer Unternehmen wie Telefonica sowie die Bankhäuser Santander Central Hispano und Banco Bilbao Vizcaya Argentaria, die alle mit hohen Summen in Brasilien engagiert sind, verzeichneten deutliche Gewinne.

Vertrauensvorschuss

Händler sprachen von einem Vertrauensvorschuss der Märkte für Lula als neuem Präsidenten. "Es beendet die bisherige Unsicherheit und Lula hat bereits zugesichert, die Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) respektieren zu wollen", sagte Analystin Laura Rambaud von Eurodeal. Auch Edmon Pallerola, Aktienhändler bei Fibanc, sagte: "Ich gehe davon aus, dass die Investoren allmählich begreifen, dass Lula kein Risiko für die spanischen Unternehmen bedeutet, die in Brasilien arbeiten." Der IWF hatte Brasilien vor einigen Wochen neue Mittel über mehr als 30 Mrd. Dollar (30,7 Mrd. Euro) gewährt.

Lula konnte die Stichwahl am Sonntag mit großem Vorsprung für sich entschieden. Nach Angaben der Wahlkommission entfielen auf den früheren Gewerkschaftsführer 61 Prozent der Stimmen. Sein Konkurrent Jose Serra erhielt demnach 39 Prozent. Der Kandidat der Arbeiterpartei wird am 1. Jänner 2003 seine vierjährige Amtszeit antreten.

Arrangiert

Die Finanzmärkte der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas schienen sich bereits in der vergangenen Woche mit einem Sieg Lulas arrangiert zu haben. Die Landeswährung Real und die Aktienkurse am Index Bovespa waren nach monatelanger Talfahrt teils kräftig angestiegen. Die Ängste vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch des mit 260 Mrd. Dollar verschuldeten Landes nach einem Wahlsieg Lulas hatten an den Märkten zuvor beträchtliche Kursverluste ausgelöst. Viele Anleger befürchteten, Lula könnte den von seinem Vorgänger Fernando Henrique Cardoso eingeschlagenen Weg einer strengen Haushaltsdisziplin verlassen und damit die Unterstützung des IWF verspielen.

Lula äußerte am Sonntag die Erwartung, dass sich die Finanzmärkte in den nächsten Tagen weiter erholen dürften. Jeder wisse, dass ein Kurs von vier Real für den Dollar nicht normal sei. Lula hatte sich im Laufe des Wahlkampfes in die Mitte bewegt. Er umwarb die Wirtschaft und konnte sogar einige der mächtigsten konservativen Politiker auf seine Seite ziehen.

Warten auf Team

Einige Analysten betonten aber, die Märkte wollten nun rasch wissen, welche Leute Lula in sein Kabinett hole. Er müsse nun ein marktfreundliches Wirtschaftsteam aufstellen. "Wir sind sehr auf die Namen gespannt, die Lula uns geben wird. Erst dann werden wir eindeutige Marktreaktionen erkennen können", sagte William Eid Junior, Wirtschaftsprofessor an der Getulio Vargas Foundation in Sao Paulo. (APA/Reuters)

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