"Dschopp, Körri, Ehrbeck" (Job, Curry, Airbag)

28. Oktober 2002, 11:48
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Integration von Fremdwörtern in den gewohnten Sprachkontext hat ihre Tücken - nicht nur bei der Aussprache

Hamburg - In den Ohren von Engländern mag das ziemlich lächerlich klingen: Da wird der Job zum Dschopp, der Gag zum Geck, der Curry zum Körri, der Airbag zum Ehrbeck. Wer aber im deutschsprachigen Raum englische Wörter so wie ein Engländer ausspricht, macht sich ebenfalls lächerlich, weil es affektiert wirkt. Fremdwörter haben jedenfalls ihre Tücken. Das zeigt sich auch darin, wie sie im Alltag Verwendung finden.

Im "Sprachreport" des Instituts für Deutsche Sprache (IDS, Mannheim) heißt es in einem Beitrag zur Frage der "Überfremdung des Deutschen": Der Zustand einer Sprache könne besser nach ihrem Vermögen, Fremdes aufzunehmen und gegebenenfalls zu integrieren, beurteilt werden als nach dem Grad ihrer "Reinheit". Es ist jedenfalls Integration, wenn bei "gag" der Auslaut "gut deutsch" verhärtet wird.

Aspekte der Integration

Das englische Wort sport wurde schon vor langer Zeit integriert, und es scheint ganz natürlich zu sein, das sp wie beim deutschen Wort Spiel zu sprechen. Dass es da auch immer wieder Tücken gibt, mag das englische spot zeigen: Vorsicht, dass es nicht zu Spott wird!

Integration ist auch, wenn die Schreibung von Wörtern gemäß ihrer Aussprache verändert wird. Teilweise ist das auch im Zuge der Neuregelung der Rechtschreibung geschehen. So ist etwa neben Sketch auch Sketsch möglich. Neben Ketchup ist auch Ketschup vorgesehen - inkonsequenterweise nicht aber Ketschap.

Geschlechterfrage

Zur Integration gehört auch, dass Hauptwörter ein grammatisches Geschlecht bekommen, man also entscheidet, ob the zu der, die oder das wird. Meistens herrscht Einigkeit: Es heißt die Hotline, doch der Space. Es gibt aber auch Zweifelsfälle wie etwa, ob es der oder das Event, die oder das E-Mail heißen sollte.

Probleme kann es auch bei den Verben geben. Sie müssen jedenfalls eine Infinitivendung verpasst bekommen: So wird denn store zu storen, download zu downloaden. Und man kann dann auch sagen "ich store". Bei downloaden stellt sich die Frage, ob man "ich downloade" oder "ich loade down" sagen soll. Im Zweifelsfall mag man zu der Lehnübersetzung (he)runterladen greifen. Übrigens gibt es das gleiche Problem ja auch im deutschen Wortschatz - "ich bauchlande" oder "ich lande Bauch"?

Nicht-Integration

Schwierigkeiten auch bei Adjektiven. Zwar klingt ein "cooler Abgang" nach neuem Sprachgefühl okay. Aber was macht man zum Beispiel mit Adjektiven, die auf y enden - wie easy, lucky? "Eine easye Sache" oder "eine easy Sache"? Die Verfasserin des "Sprachreport"-Beitrags, die Leiterin der IDS-Abteilung Grammatik Gisela Zifonun, sieht jedenfalls im Ausweichen auf ungebeugte Formen - wie eben bei "eine easy Sache" - eines der Einfallstore für eine nicht-integrierende Sprachmischung. "Da entstehen dann grammatische Konstruktionen, die weder englisch noch deutsch sind, die grammatisch undurchsichtig sind und bei denen auch hohe Schreibunsicherheiten entstehen."

Dieser Gefahr hat sich ausführlich der Publizist und Sprachkritiker Dieter E. Zimmer im Kontext seiner Darlegungen zum "Tiefencode" einer Sprache gewidmet. Er beurteilt Fremdwörter im Deutschen danach, ob sie sich in diesen Code einfügen. Wenn sie das tun, hören sie auf, ein Fremdwort zu sein. Der Tiefencode besteht aus dem von Kindheit an unbewusst gelernten Regelsystem einer Sprache.

An der Kauderwelsch-Grenze

Nicht assimilierte fremde Wörter und Wendungen nötigen zu einem Wechsel des Tiefencodes. Der Autor gibt in seinem Buch "Deutsch und anders" (Rowohlt Verlag) ein Beispiel: Um die Überschrift "Inforecherche total im Onlinedienst für Homenutzer" lesen, aussprechen und verstehen zu können, muss man sechs mal zwischen drei Codes (deutsch, englisch, französisch) wechseln, drei mal mitten im Wort. Man kann auch nicht immer wissen, welcher Code überhaupt gefragt ist. Ist "total" deutsch oder englisch zu sprechen? Soll es ein Adjektiv oder ein Adverb sein? Für denjenigen, der nicht beide Sprachen wirklich beherrscht, ist bei solcher Sprachpraxis nicht mehr gewiss, was richtig und was falsch ist. Es schwindet die selbstverständliche Sicherheit beim Zugriff auf das Wort.

Gefahr für die Sprache sieht Zimmer nicht im Zustrom fremder Wörter und Wendungen als solchen, sondern in den unablässigen unberechenbaren Codessprüngen, zu denen die vielen nicht assimilierten fremdsprachigen Wörter des "Neuanglodeutsch" zwingen, und die von ihnen bewirkte "Aufweichung des Regelsystems". Besonders bedenklich erscheint ihm das für das Sprachgefühl von Kindern. Die Bereiche Pop, Sport, aber auch Computer seien besonders stark durchsetzt von unassimiliertem Englisch und gleichzeitig Bereiche, in denen sich nahezu alle Kinder aufhalten. (APA/dpa)

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