Pressestimmen: "Erinnerung an Sowjet-Zeit"

29. Oktober 2002, 10:36
4 Postings

Breite Kritik in internationalen Zeitungen an der Haltung der russischen Führung zur Moskauer Geiselnahme

Paris/Moskau/Mailand/Rom/Kopenhagen/Amsterdam - Ausschließlich kritisch wird am Dienstag in verschiedenen internationalen Zeitungen die Haltung der russischen Führung zur Moskauer Geiselnahme kommentiert.

Die unabhängige französische Tageszeitung "Le Monde" (Paris): "Der Sturm auf das Theater hat ein Blutbad ausgelöst. Alles in dieser Angelegenheit erinnert an die Sowjet-Zeit. Für Wladimir Putin war nicht das Leben der Geiseln die Priorität. Er wollte die Ordnung wieder herstellen, da die Geiselnahme die Macht des Kreml herausgefordert hat. Die Behörden haben alle Angaben über die Art des eingesetzten Gases verweigert, und die Familien durften ihre verletzten Angehörigen nicht im Krankenhaus besuchen. Man findet alle Erscheinungen der Sowjetzeit wieder: Undurchsichtigkeit, Geheimniskrämerei, Staatslügen und Manipulation der öffentlichen Meinung. Putin bestätigt sein Image eines skrupellosen Autokraten. Wenn die Spezialkräfte sich so in Moskau benehmen, kann man sich gut vorstellen, welche Methoden sie in Tschetschenien einsetzen."

Die russische Wochenzeitung "Moskowskije Nowosti": "Die Terroristen sind tot, es sterben immer noch Geiseln. Sie sterben an dem Gas, das zu ihrer Rettung eingesetzt worden war. Wäre es ohne das Gas gegangen? Wahrscheinlich nicht. Hätte man Zugeständnisse machen können zur Rettung von Menschenleben, selbst um den Preis, dass der Staat erniedrigt wird? Vielleicht. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass es diesen Leuten nicht um ein freies Tschetschenien geht. Sie wollen ein versklavtes Russland und ein Kalifat von einem Meer zum anderen. Bedeutet das eine Fortsetzung des Krieges? Dann müssen wir weiter auf Frauen schießen, die mit Hass schwanger gehen, und auf 13-, 14-jährige Jungen, die nicht lesen und schreiben können, aber bereits Sprengsätze basteln und die Russen abgrundtief hassen."

Die konservative Mailänder Zeitung "Corriere della Sera": "Die Überraschung wächst, wenn man feststellen muss, dass das neue demokratische Russland seine Bürger mit einer Verachtung behandelt, die nicht viel geringer als diejenige ist, die die russischen Zaren und die Sowjets für ihre Untertanen übrig hatten. ... Auch im demokratischen Russland scheint sich die politische Macht nicht von all den brutalen Charakterzügen eines alten asiatischen Despotismus befreit zu haben. Daher sei uns Westlern, Europäern wie Amerikanern, Vorsicht auferlegt und geraten, dies nicht zu vergessen, wenn wir mit unserem 'Verbündeten' in Moskau verhandeln."

Die linkliberale "La Repubblica" aus Rom: "Das ist kein Glasnost, die Transparenz im Angedenken an Ex-Sowjet-Präsident (Michail) Gorbatschow, mit der Wladimir Putin nach dem blutigen Ende der Geiselnahme der tschetschenischen Terroristen vorgeht. Wie es schon vor zwei Jahren beim Verschwinden des Atom-U-Bootes Kursk in den Abgründen des Meeres geschah, scheint dieses Wort Glasnost - das seinerzeit nach der Tschernobyl-Tragödie die Wasserscheide zwischen der Dämmerung der Sowjetära und der Morgenröte einer russischen Demokratie bildete - derzeit aus dem Vokabular des Kreml gestrichen zu sein. Der russische Präsident verhält sich, als gäbe es keine öffentliche Meinung, weder im Inneren noch im Ausland, gegenüber der er Rechenschaft ablegen müsste."

Die konservative dänische Tageszeitung "Berlingske Tidende": "Die Verteidigung der Demokratie und die Bekämpfung des Terrorismus sind kein Gegensatz. Vielmehr muss man den Terrorismus ersticken, damit die Demokratie leben kann. Es wäre schöner gewesen, wenn die EU als Ganzes das Russland mit Worten und Taten verdeutlicht hätte."

Das niederländische unabhängige"Algemeen Dagblad" : "Putin beruft sich zu Recht darauf, dass er vor Terror nicht zurückweicht. In diesem Fall stellte die Erfüllung der Forderung nach Rückzug aller russischen Truppen aus Tschetschenien keine Option dar. Aber damit wird nicht gesagt, dass im Kampf gegen den Terrorismus alles erlaubt ist. Putin ist durch den makabren Ablauf der Ereignisse angeschlagen, sowohl international als auch in Russland selbst. Eine politische Lösung für den Krieg in Tschetschenien ist weiter weg denn je. Und seinen Landsleuten kann er offensichtlich keinen Schutz bieten. Es ist äußerst zweifelhaft, dass sie ihm dies vergeben, und ebenso zweifelhaft, dass er es verdienen würde."(APA/dpa)

Share if you care.