"Gerechte Strafe" trifft minderjährige Kinder

27. Oktober 2002, 21:03
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Exfrau eines Betrügers wird vom Gericht aufgefordert zu beweisen, dass sie von seinen Taten nichts wusste - sonst muss die Alleinerzieherin von vier Kindern ins Gefängnis

Wien - Was wiegt schwerer: die "gerechte Strafe" für eine verurteilte Gesetzesbrecherin oder das Leben von Kindern? Im Fall von Familie W. hat der Rechtsstaat Österreich für Ersteres entschieden.

Das Dilemma: 7,267 Millionen Euro sind kein Pappenstiel, besonders wenn es sich um ergaunertes Geld handelt. Andreas W. muss für diesen Betrug viereinhalb Jahre Gefängnis absitzen. Der 40-jährige Unternehmensberater aus Wien hat jahrelang Finanz, Zoll, Geschäftsleute und hochrangige Politiker übers Ohr gehauen.

Dass ihm das auch bei seiner Gattin gelungen sein soll, glaubte die Justiz aber nicht. Helga W. (31) wurde "mitverurteilt": vier Jahre Haft wegen Geldwäsche.

Ihr Mann hatte beträchtliche Summen auch auf ihr Konto überwiesen und ihr unter anderem Immobilien und Autos geschenkt. Helga W. bestritt zwar, dass sie von der kriminellen Herkunft des Reichtums gewusst habe, doch das Gericht schenkte ihr durch alle Instanzen keinen Glauben.

Anfang November muss sie nun den Vollzug der Freiheitsstrafe antreten - obwohl sie Mutter von vier minderjährigen Kindern ist. Die Kinder - fünf, neun, zwölf und 13 Jahre alt - sind wegen der bevorstehenden Trennung von ihrer Mutter "allesamt in Panikstimmung", hält der Kinderpsychiater Max Friedrich in einem klinischen Befundbericht fest. Der zwölfjährige Sohn drohe sogar "unverhohlen mit Selbstmord".

Bedrohliche Trennung

Aus psychotherapeutischer Sicht wird daher um eine Verschiebung des Haftantrittes um vorerst acht Monate ersucht. Eine jetzige Trennung "stellt für den gefährdeten Knaben eine existenzielle Bedrohung dar", warnt Friedrich eindringlich.

Doch Rechtsanwalt Benedikt Wallner, der die mittlerweile geschiedene Helga W. vertritt, hat wenig Hoffnung: Alle bisherigen Versuche um eine menschliche Lösung des Problems sind gescheitert. Gnadengesuche an Justizminister Dieter Böhmdorfer und an Bundespräsident Thomas Klestil kamen mit "leider nein" retour, alle Ansuchen um Haftaufschub oder nachträgliche Strafmilderung wurden abgelehnt.

Unschuld beweisen

Daran änderte auch nichts, dass die verurteilte Mutter alle Vermögenswerte, die sie durch die Machenschaften ihres Exgatten erhalten hatte, bereits zurückgegeben hat. Vor wenigen Tagen erhob Wallner als letzte rechtliche Möglichkeit eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

Darin macht der Rechtsanwalt unter anderem geltend, dass das Gericht von Helga W. einen Beweis dafür verlangt habe, dass sie nichts von den Betrugsgeschäften ihres Mannes gewusst habe. Diese Vorgehensweise sei ein klarer Verstoß gegen die Unschuldsvermutung, meint der Rechtsanwalt der Frau..

Die Eingabe beim Europäischen Gerichtshof heißt aber nicht, dass Mutter und Kinder zumindest bis zur Entscheidung der Beschwerde zusammenbleiben können. Helga W. muss innerhalb der kommenden Tage während der Amtsstunden im Gefängnis erscheinen. "Andernfalls würden Sie vorgeführt werden", heißt es in der schriftlichen Aufforderung zum Strafantritt. (Michael Simoner/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

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