Terroraktion legt Differenzen im Militär bloß

28. Oktober 2002, 11:11
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Politische Lösung des Tschetschenien-Konflikts scheint noch unrealistischer - Spannungen zwischen "Tauben" und "Falken" im russischen Sicherheitsapparat

Moskau/Wien - "Anpassen" wird Moskau nach den Worten des Vizeinnenministers Wladimir Wassiliew seine Militäroperation in der abtrünnigen Kaukasusrepublik Tschetschenien als Reaktion auf das Geiseldrama. Der Einsatz von Polizeikräften und Armee werde "neu organisiert", sagte Wassiljew der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Zuvor hatte das russische Militär Medienberichte über eine breit angelegt Offensive in Tschetschenien dementiert.

Die Ankündigung der Offensive, das folgende Dementi und die spätere Erklärung des Vizeinnenministers machen deutlich, dass die Terroraktion die seit langem existierenden Spannungen im russischen Militär- und Sicherheitsapparat über das "richtige" Vorgehen in Tschetschenien noch verschärfen wird.

Als Sofortmaßnahme, die allerdings mehr nach Aktionismus als nach einer konzertierten Aktion aussieht, umstellten russische Panzer am Wochenende mehrere tschetschenische Flüchtlingslager in der Kaukasusrepublik Inguschetien, wo sich mehr als 100.000 vor dem Krieg geflüchtete Tschetschenen aufhalten.

Über einem Lager wurden Flugblätter abgeworfen, die sich gegen den tschetschenischen Rebellenchef Schamil Bassajew richteten. Nach Angaben des getöteten Anführers des Moskauer Geiselkommandos, Mowsar Barajew, hatte seine Gruppe im Auftrag Bassajews gehandelt.

Die russischen Behörden bezeichnen dagegen den im Untergrund lebenden gewählten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow als Drahtzieher der Geiselnahme. "Nach unseren Informationen führt er die Terroristen", sagte Vizeinnenminister Wassiljew am Freitag, noch vor der Befreiungsaktion. Maschadow hatte sich unmittelbar nach dem Überfall auf das Moskauer Theater über einen Sprecher von der Aktion distanziert und die Terroristen zur Vernunft aufgefordert.

Die russische Journalistin Anna Politkowskaja, um deren Vermittlung die Geiselnehmer ersucht hatten, meinte unterdessen, Präsident Wladimir Putin hätte die Forderungen erfüllen können. Die Geiselnehmer hätten verlangt, dass Putin persönlich den Krieg für beendet erkläre und russische Truppen aus einem Gebiet in Tschetschenien zurückziehe. "Es gibt viele Gebiet in Tschetschenien, wo dies sofort möglich wäre", sagte Politkowskaja.

Die Journalistin gilt als eine der besten Kennerinnen des Konflikts. Nachdem sie wiederholt bedroht worden war, ging sie 2001 für einige Zeit ins Ausland. Während eines Österreich-Aufenthalts im Oktober 2001 sagte sie in einem Interview mit dem STANDARD, Putin glaube nach den Terroranschlägen des 11. September freie Hand in Tschetschenien zu haben.

Hinter dem Abschuss eines Armeehubschraubers über dem Zentrum der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, bei dem am 17. September zehn hohe russische Offiziere ums Leben gekommen waren, vermutete Politkowskaja in dem Gespräch Leute der eigene Seite, die Enthüllungen verhindern wollten: Die Mission der Offiziere habe darin bestanden, erstmals Fakten über Menschenrechtsverletzungen der Armee in Tschetschenien zu sammeln. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

  • Eine politische Lösung des Tschetschenien-Konflikts scheint nach dem Geiseldrama noch unrealistischer
    grafik: der standard

    Eine politische Lösung des Tschetschenien-Konflikts scheint nach dem Geiseldrama noch unrealistischer

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