Nirgendwo ist Sicherheit

27. Oktober 2002, 20:47
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Viele Russen wollen eine Änderung der Tschetschenien-Politik

"Seht ihr", sagte der fünfjährige Andruscha zu seinen Eltern, "wenn ihr nicht auf mich gehört hättet, würdet ihr jetzt von Terroristen erschossen und tot sein!" Tanja und Igor, Andruschas Eltern, wollten am Mittwochabend unbedingt ins Theater gehen - und da es für das Musical "Nord-Ost" immer noch Karten an der Abendkasse gab, entschieden sie sich dafür. Andruscha überzeugte jedoch seine Eltern davon, am nächsten Tag ins Theater zu gehen und den Abend mit ihm zu verbringen. Er hat ihnen vielleicht das Leben gerettet.

Andruscha besucht jeden Samstag eine private Musik-und Theaterschule im Zentrum Moskaus. Auch am regnerischen und nebligen Morgen nach der Geiselbefreiung fand der Unterricht statt. Zwar hatte man im Radio eine Anweisung an alle Schulen verlautbart, sie an diesem Samstag geschlossen zu halten, aber um 10.30 Uhr hatte noch niemand in der Schule etwas davon gehört. Die nächtlichen Ereignisse wurden natürlich unter den wartenden Eltern und Großeltern aufgeregt diskutiert.

Positives Gefühl

"Ich war sehr pessimistisch und dachte nicht, dass die Sache gut enden kann. Ich habe das Schlimmste erwartet", sagte Tanja, "als ich in der Früh von der Befreiung der Geiseln hörte, habe ich geweint." Zu jenem Zeitpunkt gab es nur sehr wenige und einander widersprechende Informationen über die Zahl der toten Geiseln. Das Grundgefühl war jedoch positiv und erleichtert. Man war der Meinung, dass die Befreiungsaktion gut verlaufen sei.

Dass man etwas gegen den Krieg in Tschetschenien unternehmen müsste, fühlen heute viele. "Es hilft nicht, die Augen zuzumachen und zu denken, der Krieg ist ja ganz woanders", meint Anja, "es ist schrecklich, wie in diesem sinnlosen Krieg Tag für Tag Menschen, auch viele Kinder, sterben müssen. Gleichzeitig will uns aber unsere Regierung davon überzeugen, dass der Krieg praktisch schon zu Ende ist."

"Wir müssen schon deswegen etwas gegen diesen Krieg tun, weil man sich in Moskau nirgendwo mehr sicher fühlen kann. Es ist nicht schwer, einen Überfall in der Metro oder in einer Schule zu organisieren. Die beste Polizei kann einen davor nicht schützen", meint eine andere Mutter.

Am Ende des Unterrichts spielen Andruscha und seine Freunde ein neues Spiel: Einige der Kinder schießen auf die anderen, diese fallen tot um. Das Ganze wird vom kleinen Nikita, der am Fensterbrett sitzt, fotografiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

Katja Cibej-Fras aus Moskau
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