Denkmal-Dilemma

27. Oktober 2002, 19:57
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"Was soll man mit historischen Monumenten und Namen machen, die an unangenehme Ereignisse der Geschichte erinnern?" fragt sich Barbara Coudenhove-Kalergi in ihrer Kolumne

Der Bozner Siegesplatz heißt also weiterhin Siegesplatz und nicht Friedensplatz, zur Freude der italienischen Neofaschisten und zur Blamage der österreichischen Außenpolitik, die deren Führer auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung auch noch mit einem Orden belohnt hat.

Ein vernünftiger italienischer Bürgermeister der Südtiroler Hauptstadt hat, unterstützt von den Deutschsüdtirolern, die Umbenennung in Friedensplatz betrieben, um das halbwegs bereinigte Volksgruppenproblem endgültig zu entschärfen. Die Provokation der Neofaschisten hat den Streit nun wieder aufkochen lassen. Aber der Bozner Konflikt wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was soll man mit historischen Monumenten und Namen machen, die an unangenehme Ereignisse der Geschichte erinnern? Abreißen? Umbenennen? Stehen? Erklären?

Die Erfahrung zeigt jedenfalls, dass die meisten Leute es nicht mögen, wenn bei jedem Regimewechsel neue Namen für vertraute Orte auftauchen. In der NS-Zeit hießen alle Hauptplätze Adolf-Hitler-Platz, aber selbst flammende Nazis sagten im Alltag meistens weiter "Hauptplatz". Heutzutage verzichtet man, wenn man berühmte Menschen ehren will, in der Regel auf Umbenennungen und "erfindet" neue Plätze, die oft nicht viel mehr sind als Straßenkreuzungen.

In Wien gibt es einen Bruno-Kreisky-Platz und einen Julius-Raab-Platz, aber kaum jemand kennt sie. Die Wiener sagen nach wie vor Ballhausplatz und Stubenring. Bei den Denkmälern wiederum gewöhnt man sich auch an diejenigen, die schmerzliche oder schmähliche Geschehnisse zum Gegenstand haben. Auch sie sind schließlich Teil der Geschichte. Heute würde kaum jemand die napoleonischen Adler vor dem Schloss Schönbrunn weghaben wollen, Zeugnisse der österreichischen Niederlage gegen den französischen Eroberer. Und das Russendenkmal am Wiener Schwarzenbergplatz gehört längst zum Stadtbild. Niemand weint der Russenbesatzung Wiens nach, aber erinnernswert ist diese Zeit allemal.

Die exkommunistischen Nachbarstaaten halten besonders viele Beispiele für das Denkmal-Dilemma bereit. Alle Bukarester hassen den gigantomanischen Palast des Diktators Ceausescu in ihrer Stadt, dem seinerzeit viele alte Bauten weichen mussten - aber trotzdem ist das Bauwerk die Hauptsehenswürdigkeit der rumänischen Hauptstadt. Von der Berliner Mauer ist nur noch ein kleines Erinnerungsstück da, viele Berliner hätten gern mehr davon erhalten. Die wenigen übrig gebliebenen Nazibauten stehen in jedem Architekturführer. In Tschechien haben die Kommunisten seinerzeit viele Masaryk-Denkmäler nicht eingeschmolzen, sondern in Depots verräumt. 1989 musste man sie nur herausholen und wieder aufstellen.

So ist es nun einmal mit alten Städten: Sie tragen die Spuren einer langen und oft schlimmen und widersprüchlichen Geschichte.

Und wie ist es nun mit dem Bozner Siegesplatz und dem Denkmal mit den faschistischen Liktorenbündeln und der beleidigenden Inschrift von der Kultur, die den Südtirolern angeblich erst von den italienischen neuen Herren gebracht wurde? Lange Zeit hindurch wollten die meisten deutschen Südtiroler es am liebsten schleifen. Heute sagt ein nach seiner Meinung befragter Bozner: Von mir aus kann das Denkmal stehen bleiben, aber eine Tafel sollte daran angebracht werden, auf der steht, was es damit wirklich auf sich hat.

Namen und Monumente sind wichtige Symbole. Solange ein Konflikt noch heiß ist, sollte man vorsichtig mit ihnen umgehen. Später freilich sammeln sie Patina an - die Patina bewältigter Geschichte. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

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