Kommentar der anderen: 9/11: Strategie des Leugnens

27. Oktober 2002, 19:45
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Unangenehme Fragen eines saudischen Journalisten an seine Landsleute

Ein Journalist, der kürzlich das Königreich von Saudi-Arabien besuchte, fragte mich, warum fünf von sechs Studenten, die er an der King-Saud-Universität interviewt hat, immer noch glauben, dass Al-Qa'ida nicht für die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon letztes Jahr in Amerika verantwortlich ist. Es ist für mich zunehmend frustrierend, mich mit dieser Frage zu beschäftigen, weil ich langsam keine plausiblen Erklärungen mehr für dieses Phänomen habe.

Anfangs hatte ich geglaubt, dass die Leugnung einer saudischen Mittäterschaft bei den Angriffen unsere Verzweiflung darüber spiegelt, was an diesem dunklen Tag geschehen war. Und ich hoffte, wir würden eines Tages den Mut aufbringen, die von uns empfundene Demütigung zu überwinden, indem wir tief in unsere nationale Psyche blicken und die große Frage stellen: "Warum haben 15 unserer jungen Männer Amerika auf so brutale Art und Weise angegriffen?"

Bis jetzt sind wir mit der Beantwortung dieser Frage noch nicht weiter, als wir es nach den Angriffen waren, weil wir uns noch nicht einmal trauen, sie zu artikulieren.

Blind stellen?

Die von Osama Bin Laden entführten Flugzeuge haben nicht nur New York und Washington angegriffen, sie haben auch den Islam als Glauben und die von ihm gepredigten Werte der Toleranz und Koexistenz attackiert. Doch trotz des ungeheuren Ausmaßes der Geschehnisse halten wir an der Strategie des Leugnens fest. Wir klammern uns immer noch an Verschwörungstheorien, sogar nachdem Bin Laden und der Kreis seiner Verschwörer mit ihrer großartigen "Leistung" geprahlt haben.

Wir verschließen weiter unsere Augen vor der Tatsache, dass 15 junge muslimische Männer beschlossen, ihre Heimat zu verlassen, sich auf den Weg in das machten, was sie als Djihad bezeichneten, und dabei zu Verbrechern wurden.

So darf es nicht weitergehen: Wir müssen uns endlich eingestehen, dass 15 Saudis bei der Ausübung der Angriffe auf Amerika am 11. September geholfen haben und dass Hunderte anderer Saudis, fern der Heimat in den Bergen und Dörfern Afghanistans, sinnlos ums Leben gekommen sind.

Wir müssen herausfinden, warum das Taliban-Regime in Afghanistan in den Jahren vor dem 11. September auf eine erhebliche Anzahl saudischer Jugendlicher eine derartige Anziehungskraft ausübte. Afghanistan war schließlich ein Land, in dem Muslime sich gegenseitig umbrachten. Und jeder Muslim weiß, dass es in einem solchen Fall seine Pflicht gewesen wäre, zu versuchen, die Kämpfenden zu versöhnen, nicht sich an der Gewalt zu beteiligen.

Als Mitte der Achtzigerjahre zum ersten Mal Araber, auch Saudis, in Afghanistan kämpften, war ihr Feldzug politisch und religiös korrekt. Afghanische Muslime stellten sich ausländischen Aggressoren entgegen, die ihnen den Sowjet-Kommunismus aufzwingen wollten. Die Mudjahedin standen unter der Aufsicht verantwortungsbewusster Kleriker, die ein leuchtendes Beispiel für die saudische Jugend abgaben. Als die Mudjahedin dann nach Kabul gingen, um an dem bitteren internen Machtkampf teilzunehmen, der zum Aufstieg der Taliban führte, blieben einige dieser jungen Männer in Afghanistan - andere kehrten nach Hause zurück und wurden als Helden willkommen geheißen.

Waren diese jungen Männer, die damals nach Hause zurückkehrten, klüger als die saudische Jugend heute? Was war in den letzten zehn Jahren geschehen, dass es Extremisten ermöglichte, eifrige Anhänger unter saudischen Jugendlichen zu finden?

Seit dem 11. September haben wir uns damit beschäftigt, die Amerikaner zu beraten und ihnen zu zeigen, wo sie Fehler gemacht haben. Stattdessen sollten wir unsere eigenen Schwächen beheben und der Frage auf den Grund gehen, die uns von den Amerikanern - zu Recht - unaufhörlich gestellt wird: Warum haben sich junge saudische Männer an den Angriffen beteiligt?

Wir müssen eine Antwort auf diese Frage finden, nicht um der Amerikaner willen, sondern für uns selbst.

Es reicht nicht, zu sagen, dass die Entführer - und auch die vielen Saudis, die in Guantanamo Bay gefangen gehalten werden - nur eine Minderheit hinters Licht geführter Jugendlicher repräsentieren und der Rest der saudischen Jugend anders ist. Das stimmt zwar, aber der Schaden, den diese relativ kleine Gruppe angerichtet hat, ist gigantisch. Viel wichtiger wäre es, ihre Motive zu ergründen.

Bei unseren Versuchen des vergangenen Jahres, uns zu verteidigen und zu rechtfertigen, erfuhren wir Saudis von den Konsequenzen des Extremismus in Waco, Texas und Oklahoma City. Wir berichteten über die Michigan Militia und andere amerikanische radikale Extremisten. Natürlich gibt es Extremismus in Amerika. Doch die Vorfälle in Waco und Oklahoma City wurden bis ins letzte Detail von den Amerikanern untersucht und analysiert, um dafür zu sorgen, dass solche Dinge sich nicht wiederholen. Und genau das haben wir Saudis nicht getan.

Es ist daher unsere vordringlichste Aufgabe, dafür zu sorgen, dass unsere Kinder nie mehr wieder von solchen extremistischen Ideen beeinflusst werden können wie von jenen, die 15 unserer Landsmänner dazu verleiteten, an diesem schönen Septembertag vier Flugzeuge zu entführen und sich - und uns - direkt in das Tor zur Hölle zu fliegen. (Project Syndicate/Übersetzung: Sandra Pontow/DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

Jamal Khashoggi ist stellver- tretender Chefredakteur der "Arab News", einer eng- lischsprachigen Tageszeitung, die in Jeddah, Saudi-Arabien, publiziert wird.
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