Baldige Besserung!

27. Oktober 2002, 19:34
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Reichholds Gesundheitsprobleme nicht unbedingt ein Nachteil sein - Von Conrad Seidl

Auch das noch! Die Nachricht, dass ihr Chef Mathias Reichhold ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hat die seit Wochen nur mehr dahinstolpernde FPÖ genau vier Wochen vor dem Wahltag erreicht. Und vier Tage vor der ersten, als Neupositionierung geplanten TV-Konfrontation.

Wie wird sich das nun wieder auswirken? Mathias Reichhold ist ohnehin ein schwacher Kandidat, in der Kanzlerfrage hat er sechs Prozent, Vorgängerin Susanne Riess-Passer hatte zu ihrer besten Zeit immerhin 18. Dass er aber jetzt auch noch eine temporäre Herzschwäche zeigt, muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Denn die Erfahrung zeigt, dass eine Erkrankung eines Kandidaten für die betroffene Partei sogar Sympathien mobilisieren kann: Sie vermittelt, dass die erkrankten Politiker unter Einsatz ihrer Gesundheit für das Wohl der Wähler wirken.

Als der damalige Finanzminister Rudolf Edlinger und dann auch noch der damalige Bundeskanzler Viktor Klima im letzten Nationalratswahlkampf Herzprobleme hatten, löste das eine Welle von Sympathiebekundungen aus. Das hatte schon vor 20 Jahren in der letzten Wahl des Bruno Kreisky so ähnlich funktioniert. In der ÖVP hat sich Alois Mock, der jahrelang trotz schwerer Krankheit als Außenminister amtierte, durch seine tadellose Haltung Respekt und Zuneigung verdient, Freda Meissner-Blau ging es bei den Grünen ähnlich.

Positiver Nebeneffekt: Gegenüber kranken Menschen - und seien sie in noch so hohen Funktionen - haben die Gegner Beißhemmungen, sie werden in Diskussionen geschont.

Verständnis, Rücksichtnahme oder gar Mitleid sind allerdings kein Vehikel, das einen zum Wahlsieg transportiert, auch das zeigen die Beispiele von Kreisky bis Klima. Letztlich sind doch gesunde, führungsstarke Politiker gefragt, die man in Ämter wählt. Oder in voller Überzeugung abwählt. In diesem Sinne gilt auch für Reichhold der Wunsch: Baldige Besserung! (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2002)

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