Wenn Kurse von Aktien und Anleihen sinken

27. Oktober 2002, 20:13
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Die jüngsten Kursverluste bei Anleihen sollten eigentlich ein Signal für Kursgewinne bei den Aktien sein

Wenn die Kurse der Aktien fallen, steigen die Kurse der Anleihepapiere. Zumindest gilt das als Börsenregel und lässt sich durchaus logisch begründen. Denn die Rendite, also der Ertrag beider Wertpapierkategorien, sollte immer in einem bestimmten Verhältnis stehen, das die unterschiedlichen Risikokomponenten berücksichtigt.

Grob vereinfacht: Wenn Aktienkurse fallen, ist die Ertragshoffnung eben geringer. Da lohnt sich ein Kauf am Anleihemarkt vielleicht mehr. Daher werden Aktien verkauft und Anleihen gekauft, die Aktienkurse fallen und die Anleihekurse steigen.

Die Rendite der Anleihen verringert sich mit steigenden Kursen natürlich ebenfalls, während die Dividendenrendite der Aktien steigt, wobei allerdings vorausgesetzt wird, die Ausschüttung für die Aktionäre werde nicht gekürzt (in wirtschaftlichen Krisenzeiten übrigens eine sehr unsichere Annahme). Langfristig stimmen solche Regeln sicherlich.

Gegen die Regeln

Kurzfristig fallen die Trends manchmal recht deutlich auseinander. Je nach Situation eine Art von Bullen- oder Bärenfallen, wenn man sich unbesehen darauf verlässt. In den letzten Wochen ist so etwas Komisches passiert. Die Aktienkurse fielen zwar ganz gewaltig, doch die Anleihekurse stiegen nicht, wie sie es nach der Theorie hätten tun sollen. Sie fielen ebenfalls. Ist das schon als Zeichen dafür zu werten, dass Anleihen verkauft werden und Geld wieder vom Renten- in den Aktienmarkt zurückzufließen beginnt? Ist die Aktienbaisse also ausgestanden, und signalisiert so eine Anomalie bereits Entwarnung oder zumindest eine Phase der Beruhigung und Konsolidierung?

Einige Vermögensmanager scheinen dieser Ansicht zu sein, denn laut US-Berichten hatten die als sicherer Hafen geltenden steuerfreien Rentenfonds im Oktober erstmals seit Juli höhere Kapitalabflüsse zu verzeichnen. Ein Teil solcher Gelder hat wohl die jüngste sprunghafte Aufwärtsbewegung an den Aktienbörsen befeuert. Thomas Wehinger, der für die Raiffeisen Zentralbank die Kapitalflüsse intensiv verfolgt, sieht bei den Publikumsrentenfonds noch keine derartigen Tendenzen. Aber "bei den institutionellen Anlegern ist zweifellos ein stärkeres Rebalancing im Gang", sagt er. Also eine Umverteilung weg von den Anleihen und hin zu den so stark gefallenen Aktien.

"Kontra-Indikator"

Doch Wehinger stellt dem Riecher der Institutionellen nicht unbedingt ein gutes Zeugnis aus. "Was bisher als vorlaufender Indikator gegolten hat, erweist sich eigentlich eher als Kontra-Indikator." Genau das könnten die jüngsten Kursverluste an den Rentenmärkten sein. Während an den Aktienmärkten, wenn es einmal aufwärts geht, plötzlich negative Unternehmens-und Wirtschaftsmeldungen nicht mehr so ernst genommen werden, kommen warnende Stimmen in erster Linie von den Technikern. Sie sehen in ihren Charts die Entwicklung längerfristig, und nicht wenige werten die jüngsten sprunghaften Aufwärtsbewegungen an den Aktienbörsen als bloß kurzfristige Gegenreaktion im Rahmen eines andauernden Abwärts-trends.

Zu diesem Bild fügt sich dann eben auch die jüngste Tendenz der Anleihenmärkte. Fundamentalisten halten dagegen: Die vermehrte Beanspruchung durch die immer stärker zur Defizitpolitik neigenden Staaten könnte den längerfristigen Abwärtstrend der Zinsen endgültig stoppen. Fazit für den Privatanleger: Kurzfristiges, schnelles Hin und Her sollte weiter vermieden werden.(Nikolaus Dolenz, Der Standard, Printausgabe, 28.10.2002)

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