Toxikologe: Russen setzten womöglich geheimes Gas ein

28. Oktober 2002, 16:40
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Hohe Zahl von Todesopfern sei möglicherweise auf Überdosis zurückzuführen

München - Das zur Geiselbefreiung in Moskau verwendete Gas könnte nach Einschätzung des Münchner Toxikologen Thomas Zilker eine Geheimentwicklung Russlands sein. Zugleich vermutet der Professor, dass die hohe Zahl von Todesopfern unter den Geiseln auf eine Überdosis des eingesetzten Stoffes zurückzuführen ist.

Nachweis im Nachhinein nicht mehr möglich

"Es ist nicht auszuschließen, dass die Russen da ein Gas entwickelt haben, das geheim ist", sagte der Leiter der Toxikologischen Abteilung des Universitätsklinikums Rechts der Isar am Montag in München. Ein Nachweis werde aber im Nachhinein nicht mehr gelingen. Seiner Ansicht nach handelt es sich wohl um ein Narkosegas, möglicherweise eine Abwandlung von Chloroform. Die Verwendung von Kampfgas sei ausgeschlossen, auch Lachgas halte er für unwahrscheinlich.

Experte: Einsatzkräfte haben Tod von Geiseln in Kauf genommen

Zilker kritisierte die Weigerung Russlands, das Gas zu benennen und sagte, die Einsatzkräfte hätten den Tod von Geiseln wohl in Kauf genommen. Die von ihm behandelten beiden deutschen Geiseln, eine 18-Jährige sowie ein Geschäftsmann Anfang der 40-er aus Baden-Württemberg, sollen in den kommenden Tagen die Klinik verlassen.

Vermutlich keine bleibenden Schäden

"Für unsere Patienten rechnen wir absolut nicht mit bleibenden Schäden - außer möglicherweise psychischer Natur", sagte Zilker. "Es geht ihnen sehr gut." Eine psychologische Aufarbeitung mit Experten werde erst nach der Entlassung beginnen. Man habe bewusst darauf verzichtet, die Patienten mit den Vorgängen zu konfrontieren. Beide seien bei der Erstürmung bewusstlos geworden, die junge Frau habe zuvor noch unruhige Bewegungen ihrer Sitznachbarin wahrgenommen.

Dosierung des Gases möglicherweise zu hoch

Nach Zilkers Worten war die Dosierung des Gases wohl zu hoch, da es für Situationen wie in dem Moskauer Theater kaum Erfahrungswerte gibt und die Geiselnehmer mit Sicherheit ausgeschaltet werden mussten. "In so einer Situation gibt es keine richtige Dosierung", sagte er. "Ich glaube nicht, dass die russischen Behörden geglaubt haben, dass es keine anderen Opfer gibt. Die haben wahrscheinlich geglaubt, das ist die bessere Lösung, als dass alles in die Luft gesprengt wird." Die Geheimhaltung durch Russland erschwere nun aber die Behandlung der Patienten. "Es ist wirklich schlecht, dass wir nicht wissen, (welches Gas) es ist", sagte der Professor.

Die zwei Geiseln sind seit der Nacht zum Sonntag in München zu Behandlung. Am Samstag hatten russische Spezialeinheiten ein Theater in Moskau erstürmt, in dem tschetschenische Rebellen über Tage hinweg mehr als 800 Geiseln in ihrer Gewalt gehalten hatten. Vor der Erstürmung hatten die Einsatzkräfte Gas in die Theaterräume geleitet. Jüngsten Angaben zufolge starben bei der Befreiungsaktion 117 Geiseln, fast alle von ihnen auf Grund einer Gasvergiftung.(APA/Reuters)

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    Der Münchner Toxikologe Thomas Zilker hält es für möglich, dass das bei der Stürmung des Moskauer Theaters eingesetzte Gas eine Geheimentwicklung Russlands ist.

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