Börsencrash revisited

27. Oktober 2002, 19:33
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(Der gar nicht so) Schwarze Oktober-Freitag von 1929 und der vielleicht auch nicht so düstere Börsenoktober 2002 - Gastkommentar von Michael Margules

Gleich vorweg als Antwort auf die populistische Überschrift bestehen für den Schreiber dieser Zeilen zwar einerseits etliche Parallelen vor allem hinsichtlich der Ereignisse im Vorfeld der Börseneinbrüche 1929 beziehungsweise 2000 (Anmerkung: die aktuelle Baisse hat in jedem Fall ex-definitione im April 2000 eingesetzt), andererseits (er)leben wir dank Marshall(Plan), Ludwig Erhart, Alan Greenspan & Co. hinsichtlich der volkswirtschaftlichen Auswirkungen und Rahmenbedingungen in weitaus ruhigeren und geordneteren Bahnen. Dementsprechend erscheinen düstere Szenarien à la 1929 weiterhin unwahrscheinlich, womit aber keineswegs gesagt ist, dass die Börsenwelt schon bald wieder in Fahrt und damit in Ordnung kommt.

Im Vorfeld des "Schwarzen Freitag"

Es war die Zeit des "neuen Wohlstands". Wie 1999 wurde auch 1929 von einer "Neuen Ära" gesprochen. Junge dynamische Unternehmen definierten die amerikanische Wirtschaft neu. Radios und Autos revolutionierten die Welt. Die Industrieproduktion stieg bombastisch, gleichzeitig sank die Inflation. Es schien, als gäbe es den ewigen Aufschwung. In dieser Aufbruchstimmung erfasste der Spekulationswahn an der New Yorker Börse breite Bevölkerungskreise. "Vom Tellerwäscher zum Millionär" - Aktienzocker träumten den "American Dream". Das Rezept für den schnellen Reichtum schien so einfach: Kredit aufnehmen, Aktien kaufen, Gewinne kassieren und der Bank das Geld zurückzahlen. Jeder machte mit und verdiente daran. Als Anfang 1929 Frühindikatoren auf eine schwächere Wirtschaft hindeuteten und die US-Notenbank Federal Reserve ihre Mitgliedsbanken ermahnte, Kredite seien für Aktienspekulationen wenig sinnvoll, kam es zu ersten größeren Kurseinbrüchen. Doch viele nutzten die niedrigeren Kurse, weil sie glaubten, billig einsteigen zu können. Tatsächlich wurden Top-Aktien, die normalerweise ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn oder zwölf aufwiesen, mit dem 100fachen des Gewinns bewertet. Umsatzerwartungen, nicht Gewinne bestimmten die Bewertungen in der "neuen Ära".

"Black Friday"

Bis zum sogenannten Schwarzen Freitag vom 25. Oktober 1929 hielt die Spekulationsblase an. Dabei handelt es sich bei den Ereignissen rund um den besagten Freitag um eine Legende. Es stimmt wohl, daß die Kurse nachhaltig einbrachen, jedoch trifft dies nur für den "zeitweisen" Handelsverlauf zu. In den Mittagsstunden wechselten so viele Papiere den Besitzer, daß die Börsenschreiber mit der Übermittlung der Kurse nicht mehr nachkamen. Die Notierungen verzögerten sich um Stunden. Hektik schlug in Panik um. Zum Handelsschluß notierte der Dow-Jones-Index allerdings bei 301,22 Punkten und lag damit leicht, nämlich um 0,6 Prozent höher als am Vortag.

Erst in der darauf folgenden Woche kam es zu wirklich dramatischen Verlusten. Die erhofften Unterstützungen der Bankiers blieben aus. Alle Bekundungen aus Wirtschaft und Politik, wie gesund die Unternehmen und Konjunktur seien, halfen nicht mehr. Zudem reagierte die amerikanische Notenbank zumindest unmittelbar falsch, indem sie die Zinsen erhöhte, wenngleich der maßgebliche Diskontsatz von Frühjahr 1929 bis 1948 kontinuierlich von 5 auf 1 Prozent gesenkt wurde. Am und ab Montag, dem 28. Oktober 1929, ging es aber endgültig bergab, die Flut an Verkaufsaufträgen hielt an, doch diesmal sanken die Kaufaufträge dramatisch. Plötzlich wollte kaum noch jemand zu vermeintlich günstigeren Kursen einsteigen. Der Dow-Jones-Index brach schlußendlich um 13 Prozent ein, am Dienstag noch einmal um 12 Prozent, und die bis Juli 1932 anhaltende Baisse bescherte dem Dow-Jones-Index mit fast 90 Prozent den höchsten Verlust aller Zeiten.

Börse(n)baisse 2002

Die Aktienkurse reflektieren nur selten den der Wirtschaftslage angemessenen Wert. In optimistischen Zeiten eilen sie voraus, in (vermeintlich) schwierigen hinken sie hinterher. Jetzt befinden wir uns in einer Zeit, in der die Kurse zu viel Negatives spiegeln, und auch heute hat die Börse ihre liebe „Not“ mit der Zukunft. Doch wie das Jahr 1929 und der New-Economy-Boom verdeutlicht, eignet sich der Börsenverlauf nur selten als Prognoseindikator für die Wirtschaft. Die Börsenexzesse passierten in den Jahren 1999 und 2000, als der realwirtschaftliche Überschwang schon am Abklingen war. Aber die Analysten und die Anleger extrapolierten einfach die damals hohen Wachstumstrends unbesehen in die Zukunft hinein. Die unsichere Wirtschaftslage und die Kurstaucher der letzten Monate haben dazu geführt, dass nur mehr negative Argumente beachtet werden. Alle reden von Rezession, überall werden Deflationsanzeichen ausgemacht, und selbst die sonst immer notorisch optimistischen Analysten sprechen jetzt davon, dass etwa der Dow Jones Industrial in den nächsten zehn Jahren nicht mehr über die Marke von 10000 steigen werde! Auch diese „Erkenntnis“ ist weniger eine sorgfältige Standortanalyse als vielmehr eine Extrapolation der heutigen Börsenlage.

Wahr und klar erscheint, dass wir uns in einer schwierigen Phase, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich, befinden. Sobald diesbezügliche)Zeichen zu erkennen sind, werden Dividendenpapiere wiederum auf den für sie normalen Wachstumspfad von langfristig 6 bis 8 Prozent per anno zurückkehren. Doch bis dahin werden jedenfalls noch etliche Monate vergehen – ob es gar Jahre dauert, wird nicht zuletzt vom Vertrauen der Anleger in das Instrument Aktie abhängen.

Nachlese

--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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