Heuer doch noch Leitzinssenkung?

27. Oktober 2002, 14:05
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Analysten sehen genügend Spielraum für fünfzig Basispunkte - Keine inflationäre Wirkung in Sicht

Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach Meinung von Analysten einen Spielraum einen deutlichen Spielraum für eine Senkung der Leitzinsen um 50 Basispunkte noch vor Jahresende. Das Geldmengenwachstum in der Euro-Zone hat sich nach Einschätzung von Volkswirten im September nur leicht abgeschwächt. Da aber vom M3-Wachstum weiterhin keine Inflationsgefahren mehr ausgehen, könnte die EZB nach Ansicht der Analysten der schwachen Konjunktur Rechnung tragen und die Leitzinsen senken.

Die EZB gibt die Daten zur Geldmenge M3 im September am Montag um 10.00 Uhr bekannt. Volkswirte erwarten einen Rückgang in der Jahresrate auf 6,7 von 7,0 Prozent im August. Der gleitende Dreimonatsdurchschnitt würde dabei auf 6,9 von 7,1 Prozent sinken und damit wie schon seit Sommer letzten Jahres deutlich über dem EZB-Referenzwert von 4,5 Prozent verharren.

Nur potenzielle Inflationsgefahr

Für den leichten Rückgang ist nach Einschätzung von Julian von Landesberger, Analyst von der HypoVereinsbank, vor allem ein statistischer Basiseffekt verantwortlich, denn im September 2002 war M3 kräftig gewachsen. Das Aggregat M3 umfasst Bargeld, Einlagen auf Girokonten, Repogeschäfte, Geldmarktpapiere und -fonds sowie Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist, sowie Einlagen und Schuldverschreibungen bis zu zwei Jahren. Hohes Geldmengenwachstum signalisiert normalerweise Inflationsgefahr. Aber M3 ist schon länger als ein Jahr künstlich aufgebläht, weil die Investoren Kapital vor den Kursverlusten an den Aktienmärkten retten wollen und in als sicher geltende festverzinsliche Anleihen umschichten. "Zu hohes M3-Wachstum kann keinen Inflationsdruck hervorrufen in einer Situation, wo alle diskutieren, ob die Konjunktur der Euro-Zone in eine Rezession rutscht oder nicht", sagte Von Landesberger.

Die EZB selbst hatte in ihrem letzten Monatsbericht die Geldmenge nur als potenzielle, nicht als aktuelle Inflationsgefahr dargestellt und die Preisrisiken als derzeit ausgewogen bezeichnet. Darüber hinaus betrachtet die Notenbank, deren oberstes Ziel ein stabiles Preisniveau ist, noch einen möglichen Ölpreisanstieg und zu hohe Lohnabschlüsse als Aufwärtsrisiken für die Preise. Dem stehen dämpfende Wirkungen der schwachen Konjunktur und des höheren Euro-Kurses gegenüber.

Expertin: Weg vom Optimismus

Die EZB müsse von ihrer noch immer optimistischen Wachstumserwartung abrücken, dann habe sie Spielraum für eine Zinssenkung und könne diese auch mit geringeren Inflationsgefahren begründen, sagte Claudia Henke von der Dresdner Bank. Bisher geht die Notenbank davon aus, dass sich der erwartete Aufschwung nur um etwa ein Jahr verzögert hat und im Lauf von 2003 die Wirtschaft eine Wachstumsrate in Höhe des Potenzialwachstums von 2,0 bis 2,5 Prozent erreichen wird. Doch zugleich hatte die EZB auf die erheblichen Konjunkturrisiken hingewiesen.

Henke erwartet, dass die EZB sich bald den pessimistischeren Wachstumsvorhersagen von Wirtschaftsforschern anschließen und den Schlüsselzins von 3,25 Prozent im Dezember um 50 Basispunkte auf 2,75 Prozent senken wird. "Die EZB wird mit einem größeren Schritt ein Vertrauenssignal geben, denn nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch die Unternehmen und Privathaushalte brauchen dringend mehr Zuversicht, damit die Wirtschaft anspringt." (APA/Reuters)

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