Keine Anbiederung bei Massenmedien

27. Oktober 2002, 20:05
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Büchner-Preis für einen Nachdenker: Wolfgang Hilbig - Mit Interview

Darmstadt - Nachdenklich hat Wolfgang Hilbig am Samstag in Darmstadt den mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis entgegen genommen. Indem die Literatur sich bei den Massenmedien anbiedere, gebe sie ihren Platz in der Gesellschaft auf, warnte er in seiner Rede. Erst am Ende dankte der 61-Jährige der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die Auszeichnung: "Sie haben mir Mut und Kraft verliehen, auf meinem Weg weiter zu gehen, Sie haben mir Hoffnung gemacht, dass meine Wörter und Sätze nicht vollkommen ins Leere laufen."

Der in Berlin lebende Hilbig kritisierte, dass sich "die Literatur in einem dauernden Ansturm auf die Paläste der öffentlichen Medien befindet", wo sie nichts zu suchen habe. Dieser Gedanke habe sich in ihm gefestigt, seit die Medien nach der Bekanntgabe seines Namens als Büchnerpreisträger "die Hatz" auf ihn eröffnet hätten. Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen versuchten, wie seinerzeit die Stasi, ihm sein Geheimnis zu entreißen, sagte Hilbig, der 1985 aus der DDR in den Westen übersiedelte.

Kein Heimatgefühl zu erzwingen

Hilbig erinnerte in seiner Rede auch an den Bau der Mauer 1961, in jenem Jahr, als Hans Erich Nossack den Büchnerpreis erhielt. "Man hatte versucht, mit Gewalt ein Heimatgefühl in mir zu erzwingen", entrüstete sich der Schriftsteller. Seine Reaktion war die innere Emigration, die er als Heizer in der Einsamkeit der Kesselhäuser suchte. Dort sei die Entscheidung zum Schreiben in ihm gereift. Als sein Talent dem Staat auffiel, verschanzte sich der Autor weiterhin in den Heizräumen. "Ich habe schon ein-, zweimal einem Stasi-Mann die Tür gewiesen, mit dem Hinweis auf das Schild 'Betreten für Unbefugte verboten!'", erinnerte er sich.

Für diesen Widerstandsgeist zeichnete die Jury der Sprach-Akademie den Schriftsteller mit dem angesehensten Preis der deutschsprachigen Literatur aus. Er habe sich in seiner Dichtung behauptet und einer Macht getrotzt, "indem er ihre Abgründe ausleuchtete", heißt es in der Begründung. Seiner Verzweiflung habe er auf "schrecklich-wundervolle Weise" eine "immer neu zu faszinierendem Leben" erweckte Sprache gegeben. Der Augsburger Schriftsteller Georg Klein freute sich in seiner Laudatio, "einen bedeutenden Dichter zu Lebzeiten geehrt zu sehen".

Johann-Heinrich-Merck-Preis an Volker Klotz

Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau zog in seinem kurzen Grußwort Parallelen zwischen Georg Büchner und Wolfgang Hilbig. Beide Schriftsteller hätten in Staaten gelebt, die versuchten, Deutungsmuster vorzuschreiben, und beide hätten in ihren Werken mutig dagegen Stellung bezogen.

Als bekanntestes Werk Hilbigs gilt der 1993 erschienene Roman "Ich" über einen Lyriker, der als Spitzel für die Stasi arbeitet. Für seine Leistungen ist Hilbig bereits mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Kranichsteiner Literaturpreis (1987), dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1989) und dem Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste (1997).

Den ebenfalls in Darmstadt vergebenen Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay nahm der Literaturwissenschafter Volker Klotz entgegen. Den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhielt der 75-jährige Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. Beide Preise sind jeweils mit 12.500 Euro dotiert.

Zu den bisherigen Büchner-Preisträgern gehören Gottfried Benn, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Botho Strauß, Günter Grass, Wolf Biermann und George Tabori. Zuletzt dominierten die ÖsterreicherInnen: 1997 erhielt den Preis H. C. Artmann, im Jahr darauf Elfriede Jelinek. Nach Arnold Stadler (1999) und Volker Braun (2000) ging die Auszeichnung im Vorjahr an die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker. (APA/dpa)

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    Der in Berlin lebende Schriftsteller Wolfgang Hilbig (l) bekam von Christian Meier, dem scheidenden Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in Darmstadt am Samstag den Georg-Buechner-Preis 2002 überreicht.

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