Bisher 118 Todesopfer

27. Oktober 2002, 14:53
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Polizei verweigert Angaben zur Todesursache - Viele der befreiten Geiseln leiden an schweren Gasvergiftungen

Moskau - Nach der Erstürmung des Moskauer Musical-Theaters durch russische Spezialeinheiten am Samstag liegen über die Todesursache der mittlerweile 118 Opfer weiterhin keine offiziellen Angaben vor. Unbestätigt blieben bisher Medienberichte, wonach viele der Geiseln an den Folgen des von der Polizei eingeleiteten Betäubungsgases starben. Da viele der Befreiten noch immer in kritischem Gesundheitszustand sind und über 100 Menschen noch als vermisst gelten, könnten sich die Zahlen in den nächsten Tagen weiter erhöhen. Viele Angehörige, darunter der Mann und die zwei Töchter der Österreicherin Emilia Predova-Uzunov, warten weiterhin auf Lebenszeichen der aus der Geiselhaft befreiten Frau.

Nach der gewaltsamen Beendigung des Geiseldramas liegen russischen Medien zufolge zahlreiche befreite Geiseln mit teils schweren Gasvergiftungen im Krankenhaus. Mehr als 540 der über 750 Befreiten würden in Moskauer Krankenhäusern behandelt, berichtete die russische Online-Zeitung "gazeta.ru" am Samstag. Viele von ihnen befänden sich wegen Gasvergiftungen in einem kritischen Zustand. Nur die wenigsten Geiseln seien durch Schüsse verletzt worden.

Erstickungstod oder Herzstillstand

Neun Patienten sind nach Angaben von "gazeta.ru" erstickt oder an Herzstillstand gestorben. Ein Vertreter der medizinischen Notaufnahme Sklifossowski berichtete der Online-Zeitung, alle 42 bei ihm eingelieferten Menschen seien "in kritischem Zustand" und alle seien durch ein unbekanntes Gas vergiftet worden. In einem anderen Krankenhaus würden nur "vier oder fünf" von insgesamt 349 eingelieferten Patienten mit Schussverletzungen behandelt, hieß es in der Internet-Zeitung weiter. Russische Angehörige kritisierten Fernsehberichten zufolge, die Polizei lasse sie nicht an die Krankenbetten. Über hundert Menschen gelten Medienbericten zufolge noch als vermisst.

Der russische Innenminister Wladimir Wassiljew widersprach zunächst Angaben, wonach mehrere Geiseln an dem weiter unbekannten Gas gestorben seien, das die Spezialeinheiten vor der Erstürmung in das Theatergebäude geleitet hatten. Einem Notarzt zufolge waren dadurch mehrere Menschen vergiftet worden und an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt. Israelische Experten vertraten die Ansicht, dass ein normales Anästhetikum für eine so große Anzahl von Menschen niemals ausgereicht hätte.

Schicksal noch immer unklar

Mehr als 24 Stunden nach der blutigen Beendigung der Geiselnahme in Moskau war das Schicksal von zahlreichen Ausländern unter den befreiten Geiseln, unter ihnen die betroffene Österreicherin, noch unklar. Die Botschaften von Österreich, Armenien und der Ukraine waren bis zum Sonntag teilweise oder gar nicht über den Verbleib ihrer Landsleute unter den Geiseln unterrichtet. Es handelt sich bei den Personen unklaren Aufenthaltes um sechs Ukrainer, eine Armenierin und eine Österreicherin.

Zwei deutsche Opfer der Geiselnahme wurden hingegen bereits in der Nacht zum Sonntag zur Behandlung in die Münchner Universitätsklinik geflogen und werden dort in der Toxikologischen Abteilung behandelt. Am Sonntag stellte sich heraus, dass sich unter den toten Geiseln auch zwei Ausländerinnen - eine 38-jährige Niederländerin und eine 13-jährige Kasachin - befinden.

Russische Spezialeinheiten hatten am Samstagmorgen das Moskauer Theater gestürmt, in dem tschetschenische Rebellen seit Mittwochabend zwischen 750 und 1.000 Menschen in ihrer Gewalt hatten. Nach Geheimdienst-Angaben wurden 50 Geiselnehmer getötet, unter ihnen der Führer des Kommandos, Mowsar Barajew. Nach Polizeiangaben wurden in der Nacht auf Sonntag weitere drei schwerbewaffnete mutmaßliche Terroristen in Moskau festgenommen.

Die Geiselnehmer hatten ultimativ den Rückzug der russischen Armee aus Tschetschenien gefordert und mit der Tötung von Geiseln gedroht. Inwieweit die Rebellen bereits mit der Erschießung von Geiseln begonnen hatten, als die russischen Einheiten das Theater stürmten, ist bisher nicht restlos geklärt worden. (APA)

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    Ein Offizier teilt aufgebrachten Angehörigen mit, in welche Spitäler die befreiten Geiseln eingeliefert wurden

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