Atomkerne ins Hirn schießen

26. Oktober 2002, 17:26
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Modernstes Krebszentrum Europas in München geplant

Behandlungsräume, Strahlenerzeugung, ja eigentlich so ziemlich das ganze Projekt ist mit dem Design der erfolgreichen Anlage an der Harvard Medical School in Boston identisch. Und was die Amerikaner dort seit einem Jahr in der Krebsbehandlung leisten, soll auch europäischen Patienten zugute kommen. Zunächst in Deutschland: In Garching bei München ist die Errichtung eines der innovativsten Krebsbehandlungsclusters Europas geplant. Die Bauarbeiten für das "Protonentherapie-Zentrum" beginnen Anfang kommenden Jahres. Veranschlagte Kosten: 120 Millionen Euro.

Strahlenbehandlung ist neben Chirurgie, Chemotherapie und Nuklearmedizin von eminenter Bedeutung bei der Therapie bösartiger Geschwulste. Die Protonentherapie stellt dabei eine "minimal-invasive" Medizintechnik dar: Im Vergleich zur konventionellen Strahlenbehandlung erlaubt sie bei höherer Dosis eine wesentlich präzisere Bestrahlung des erkrankten Gewebes und somit eine geringere Belastung gesunder, umgebender Strukturen oder Organe.

Dazu werden die positiv geladenen Kerne des Wasserstoffs gezielt auf den Tumor gelenkt, wo sie die Krebszellen zerstören - ein beinahe punktgenauer Beschuss der sich unkontrolliert vermehrenden Zellen. Ein Studie des Schweizer Paul Scherrer Instituts hat ergeben, dass in 95 Prozent der Fälle das Tumorwachstum durch Protonenbeschuss gestoppt werden konnte.

Vor allem solide Tumoren mit geringer Neigung zur Metastasenbildung, tiefliegende Tumoren etwa im Gehirn und Krebs bei Jugendlichen und Kindern werden mit Protonen behandelt. Besonders strahlungsresistente Karzinome in der Nähe von kritischen anatomischen Strukturen, etwa in der Umgebung des Hirnstammes oder der Netzhaut, lassen sich mit der Protonentherapie erfolgreicher behandeln als mit anderen Methoden. Auch die Rate von Rezidiven - das Wiederaufflammen der Krebserkrankung am gleichen Ort nach einer Erstbehandlung - liegt beim gezielten Protonenbeschuss bei weniger als einem Prozent.

Das bedeutet wiederum, dass damit auch indirekte Folgekosten - also kürzere Rehabilitationszeiten, weniger Komplikationen, geringere Frühinvalidität, verminderter Arbeitsausfall und geringeres Krankengeld - für die Sozialversicherungen ausfallen. Daher überlegen sich die deutschen Kassen die Behandlungskosten am Garchinger Protonentherapie-Zentrum zu übernehmen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Zentrum keine isolierte Forschungseinrichtung werden soll, sondern an Münchner Universität und Klinikum angeschlossen werden soll, also eine klinikgebundene Behandlungseinrichtung werden soll. Derartige Zentren sind noch in Berlin, Essen, Hamburg, Leipzig sowie in Prag, Madrid und Moskau geplant - von der PTC Holding AG, eine in München ansässige Planungs- und Entwicklungsgesellschaft.

Weltweit konnten bisher rund 35.000 Patienten mit Protonenstrahlen behandelt werden. Das deutsche Zentrum soll nach Fertigstellung jährlich etwa 3100 Menschen therapieren können. Schätzungen des bundesweiten Bedarfs liegen bei derzeit rund 13.000 Patienten pro Jahr bei insgesamt etwa 350.000 Krebsneuerkrankungen alleine in Deutschland. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26./27. 10. 2002)

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