Machtwechsel: Lula gewinnt Stichwahl

29. Oktober 2002, 09:21
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Regierungskandidat José Serra weit abgeschlagen - Linker Gewerkschafter muss Koalition schmieden: "Wir reden mit allen"

In Brasilien kommt es zu einem Machtwechsel. Der Gewerkschafter Luiz Inácio "Lula" da Silva von der linken Arbeiterpartei (PT) erreichte in der Stichwahl am Sonntag 61 Prozent der Wählerstimmen und schlug damit klar den Regierungskandidaten José Serra von den Sozialdemokraten, der auf 38 Prozent kam. Zehntausende Anhänger der PT feierten bis in den Morgen im Zentrum von Sao Paolo - der Hochburg Lulas - mit Sambamusik und wehenden roten Fahnen. "Das ist ein historischer Moment", jubelte eine Teilnehmerin. Serra räumte seine Niederlage ein und gratulierte dem Sieger.

Lula, der am Sonntag seinen 57. Geburtstag feierte, wird auf Bündnisse angewiesen sein, da seine Arbeiterpartei zwar im Kongress Zugewinne verzeichnete und zur größten Fraktion wurde, aber dennoch nur 91 der 513 Sitze stellt. Lulas Stratege, der PT-Vorsitzende José Dirceu, schmiedet derzeit an einer Koalition. "Wir reden mit allen", sagte er. Unklar ist, ob die Sozialdemokratische Partei von Serra und Amtsinhaber Fernando Henrique Cardoso - drittstärkste Kraft im Kongress - der Koalition angehören wird.

Große Herausforderungen erwarten Lula, der am 1. Jänner das Amt von Cardoso übernehmen wird. "Wir arbeiten mit einem Krisenszenario", räumte Dirceu dieser Tage ein. Der Wirtschaftsgigant ist hoch verschuldet, wächst in diesem Jahr voraussichtlich nur um 1,5 Prozent, es fehlen zwölf Mio. Arbeitsplätze, ein Viertel der 170 Mio. Brasilianer leben unterhalb der Armutsgrenze. Außerdem müssen die seit Monaten wegen des vorhersehbaren Siegs Lulas nervösen Finanzmärkte beruhigt werden. 2,5 Mrd. Dollar Kapital wurden seit Jahresbeginn aus Brasilien abgezogen, der Real verlor mehr als 40 Prozent seines Wertes.

Der Regierungswechsel dürfte dennoch sanft verlaufen. Die meisten Unternehmer haben sich schon im Vorfeld auf einen Sieg Lulas eingestellt; zahlreiche Bosse wirkten an einer gemeinsamen Wirtschaftsplattform mit. Für Beruhigung dürfte auch sorgen, dass das Wirtschaftsteam der neuen Regierung größtenteils aus parteifremden Fachleuten bestehen wird. Mit dem millionenschweren Textilunternehmer José Alencar hat Lula außerdem einen Vizepräsidenten, der den Unternehmern Vertrauen einflößt.

Cardoso und Lula wollten zudem am Dienstag ein Team benennen, das die Amtsübergabe vorbereiten soll. Unter anderem wird es dabei auch um das Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) gehen. Zur Beruhigung der Märkte hatte der IWF Brasilien einen Rekordkredit von 30 Mrd. Dollar gewährt. Der Löwenanteil davon kommt erst nach dem Amtsantritt Lulas zur Auszahlung und ist mit strengen Auflagen verbunden, darunter die Erwirtschaftung eines Haushaltsüberschusses von 3,75 Prozent, eine Fortsetzung der Liberalisierung, Zollabbau und Einsparungen im öffentlichen Dienst. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2002)

Sandra Weiss aus Rio de Janeiro

Porträt

Luiz Inácio da Silva
Der einst wilde Gewerkschafter gibt sich zahm

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    Das Glück der Sieger: Der neu gewählte Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva und seine Frau Marisa nach der Auszählung der Stimmen

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