Der "Bulgarentöter" blieb Sieger

20. Oktober 2003, 12:35
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Mehr als drei Jahrhunderte, 681 bis 1014, hatte das Erste Bulgarische Reich Bestand. Im Kampf um die Vorherrschaft auf dem Balkan blieb schließlich Byzanz siegreich.

Die Geschichte des Ersten Bulgarischen Reichs ist beherrscht vom Kampf mit Byzanz um die Vorherrschaft auf dem Balkan. Schon Asparuchs Nachfolger Chan Tervel nutzte die Schwäche Konstantinopels, das zweimal eine arabische Belagerung abwehren musste, und erweiterte Donaubulgarien um einen Teil von Ostthrakien. Zwischen der alten Metropole und Bulgarien wurde im Jahr 716 ein erster Handelsvertrag geschlossen.

Die Byzantiner erkannten rasch, dass in ihrem Nordwesten ein gefährlicher Nachbar groß wurde. Doch trotz großer militärischer Anstrengungen gelang es ihnen nicht, die Bulgaren wieder unter ihre Botmäßigkeit zu zwingen. Chan Krum hatte freie Hand, um sich zunächst mit den Franken Karls des Großen an der Zerstörung des Awarenreichs zu beteiligen. Dadurch wurde der Machtbereich Bulgariens weit über die Donau bis an die Theiß im Westen und an den Pruth im Osten ausgedehnt.

Dann wandte sich Chan Krum gegen Byzanz. 809 stieß er nach Westen vor und eroberte Serdica (heute Sofia). Das byzantinische Heer geriet beim Überschreiten des Balkangebirges in einen Hinterhalt und wurde aufgerieben. Nun lag der Südosten wehrlos vor den Kriegern Chan Krums, sie stießen bis vor die Tore Konstantinopels. Der unerwartete Tod des Herrschers beendete zwar den Feldzug, doch sein Nachfolger Omurtag konnte in einem Friedensvertrag mit Byzanz die eroberten Gebiete absichern. Er verleibte sich zudem Landstriche an der Save, einschließlich der Stadt Belgrad, ein. Nun richtete sich der Blick der bulgarischen Herrscher auf die byzantinische Provinz Makedonien, die bereits seit mehreren Jahrhunderten von slawischen Stämmen bewohnt war. Chan Boris vollendete 883 die Einverleibung Makedoniens - mit Ausnahme der Küstengebiete - in sein Reich. In den zwei Jahrhunderten seit der bulgarischen Landnahme hatte sich die Gesellschaftsordnung Bulgariens in Richtung zum Feudalstaat gewandelt. Mit fortschreitender Verfestigung der Eigentumsverhältnisse gerieten viele Bauern zunehmend in die Abhängigkeit des Landadels, der Bojaren; dieser hatte sich aus der altbulgarischen Kriegerkaste und den slawischen Stammesführern entwickelt. Ein Teil der Bauern war in Leibeigenschaft geraten. In den Städten entwickelten sich Gewerbe und Handel. Die Zentralgewalt der Chane räumte einerseits mit dem Stammespartikularismus auf, anderseits bedurften Bojaren und Kaufleute herrschaftlichen Schutzes gegen auswärtige Feinde und gegen unzufriedene Bauern. Mit der Stärkung der Staatsmacht ging ein Aufblühen des kulturellen Lebens einher. Die Städte, insbesondere die Hauptstadt Pliska mit ihren Fürstenpalästen, erreichten einen beachtlichen zivilisatorischen Stand. Noch aber besaßen die Slawen keine eigene Schrift, und sie waren Heiden. Für die Fürsten wurde die Annahme des Christentums zu einer machtpolitischen Frage, weil sie erst dadurch als gleichberechtigt in den Kreis der europäischen Reiche treten konnten und ihre Herrschaft nicht mehr durch Bekehrungsversuche, hinter denen sich Eroberungsgelüste verbargen, infrage gestellt werden konnte. Als Erste hatten dies die Fürsten des Großmährischen Reichs erkannt und den Patriarchen von Konstantinopel um die Entsendung von Missionaren gebeten. Dem Wirken der "Slawenapostel" Kyrill und Method wurden zwar in Mähren durch die bayrische Kirche Einhalt geboten, aber Chan Boris, der sich 864 in Byzanz taufen ließ und den Namen seines kaiserlichen Paten Michael annahm, nahm die aus Mähren geflüchteten Schüler der Slawenmissionare, Kliment, Naum und Angelarius, auf; gegen den Widerstand einer heidnischen Adelsopposition wurde das Christentum nun Staatsreligion. Kliment wurde Bischof von Ochrid in Makedonien, Naum blieb in der neu gegründeten bulgarischen Hauptstadt Preslav. Die von Kyrill und Method entwickelte slawische Schrift ermöglichte eine erste Hochblüte der bulgarischen Literatur. Sie wurde bereits in der Volkssprache aufgezeichnet, als man sich in Mittel- und Westeuropa noch hauptsächlich des Lateinischen bediente. Die altbulgarische, vor allem geistliche Literatur übte, als "Altkirchenslawisch" auch dort verstehbar, großen Einfluss auf das Reich von Kiew aus.

Seine größte Ausdehnung über die von Balkanslawen bewohnten Gebiete erlangte das Bulgarische Reich unter Simeon I. dem Großen (893-927). Er war auf den Thron gelangt, nachdem sein Vater Boris I. Michael, der sich als Mönch in ein Kloster zurückgezogen hatte, noch einmal in die Geschicke des Landes eingegriffen hatte: Sein älterer Sohn und Nachfolger, Boris' Stiefbruder Wladimir, hatte sich an die Spitze einer heidnischen Gegenbewegung gestellt. Boris ließ ihn blenden und ersetzte ihn durch Simeon. Dieser rüstete zum Entscheidungskampf mit Byzanz. Zwar verlor er an die mit Byzanz verbündeten Ungarn die Walachei, errang aber bei Bulgarophygon (östlich Adrianopel/Edirne) über die Griechen einen glänzenden Sieg. Als Byzanz die danach vertraglich vereinbarten Zahlungen wieder einstellte, drang Simeon bis vor die Tore Konstantinopels, erzwang dort 913 seinen feierlichen Einzug und die Krönung zum "Basileus der Bulgaren" durch den Patriarchen. Der Herrschertitel "Knjas", Fürst (die slawische Entsprechung von "Chan"), wurde fortan durch den Titel "Zar" ersetzt. Simeon erweiterte und sicherte für Bulgarien den Besitz Makedoniens bis zur südlichen Adria, stellte Serbien unter seine Oberhoheit und drang mit seinem Heer bis an den Golf von Korinth vor. Trotz der für die Byzantiner vernichtenden Niederlage am Acheloe (nahe Pomorie am Schwarzen Meer) blieb Simeon die Erreichung seines größten Ziels, auch als "Basileus der Rhomäer" (=Byzantiner) anerkannt zu werden, versagt.

Nach dem Tode Simeons setzte der Verfall der bulgarischen Zarenmacht ein. Einzelne Bojaren wandten sich gegen die Zentralgewalt, und im Volk begann sich die Sekte der Bogomilen zu verbreiten, die ihre Forderung nach Reinheit des Glaubens mit dem Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit verbanden. Byzanz sah die Chance gekommen, seine alten Ansprüche auf den Besitz der gesamten Balkanhalbinsel endlich in die Tat umzusetzen. Byzanz gewann durch eine große Geldsumme den (noch heidnischen) Herrscher des Reichs von Kiew, Swjatoslaw, zeitweilig als Bundesgenossen. Dieser landete mit seinen Warägerschiffen an der Schwarzmeerküste und besetzte einen Großteil Nordostbulgariens (968). Nach langen Kämpfen, in denen Swjatoslaw die Seite wechselte, eroberten die Byzantiner die Hauptstadt Preslav und nahmen Boris II. gefangen.

Noch aber hatte der Südwesten des Reichs, Makedonien, seine Unabhängigkeit bewahrt. Der Bojarensohn Samuil erhob sich als neuer Zar, eroberte den Osten Bulgariens zurück, verleibte sich neue Gebiete an der Adria ein und schlug die Byzantiner an der Trajanspforte (Passübergang vom Isker- zum Maritzatal). Kaiser Basileios II. rüstete zum Gegenschlag. In mehrjährigen zähen Kämpfen drängte er Samuil nach Westen zurück und schlug schließlich dessen Heer 1014 vernichtend am Belassiza-Pass bei Kleidion (Kljutsch, nordöstlich von Saloniki). Basileios ließ die gefangenen Bulgaren (angeblich 14.000 bis 15.000) blenden und schickte sie Samuil zurück, der angesichts des furchtbaren Anblicks starb. Streitigkeiten unter Samuils Nachfolgern erlaubten den Byzantinern ein leichtes Spiel. Nach der Einnahme von Ochrid (1018) war das gesamte Gebiet des Ersten Bulgarischen Reiches wieder byzantinische Provinz, und Basileios feierte seinen Triumph mit dem Beinamen "Bulgaroktonos" (Bulgarentöter). (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26./27. 10. 2002)

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