Mikronahrung gegen Hyperaktivität

25. Oktober 2002, 17:00
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Streit um Behandlung von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen

Was verbindet Albert Einstein, Benjamin Franklin, Winston Churchill, Dustin Hoffman und Bill Gates? Allen wird extrem auffälliges Verhalten in ihrer Kindheit attestiert. 1845 beschreibt der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann in seinen "Struwelpeter"-Geschichten ein hyperaktives Kind namens Zappelphilipp. 1987 erfand der US-Psychiatrieverband das heutige Kürzel für die psychische Störung: ADHS - Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts-Störung. Und jetzt streiten sich Experten über die Behandlung.

Das Krankheitsbild umfasst unterschiedliche Symptome: exzessive Ruhelosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Lese- und Rechtschreibschwächen, Störungen der Informationsverarbeitung und Gedächtnisbildung, geringes Selbstwertgefühl, aggressives Verhalten. Betroffene sind in der Regel überdurchschnittlich intelligent. Weltweit leiden bis zu 14 Prozent der Kinder an ADHS. In Österreich dürfte rund eine halbe Million Kinder betroffen sein. Das wären zwei bis drei Kinder pro Schulklasse.

Neue Untersuchungen aus den USA zeigen, dass Aufmerksamkeitsstörungen das Resultat einer biochemischen Funktionsstörung im Bereich der Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten sein dürften. In Schaltstellen von Hirnzellen (Synapsen) wirken die verantwortlichen Botenstoffe (Neurotransmitter), vor allem Dopamin, nicht optimal. Die meisten Neurologen gehen von einem Dopamindefizit aus, das mittels Methylphenidat, einem Amphetamin, bekämpft wird.

Paradoxerweise wirkt das Aufputschmittel auf die jungen Patienten tatsächlich beruhigend. Weltweit schlucken zehn Millionen Kinder solche Präparate. Pharmakonzerne freuen sich über sagenhafte Umsätze: Mittlerweile steht die Kinderpille auf Platz sechs der meistverkauften Psychopharmaka. Zugleich mehren sich kritische Stimmen, die in der exzessiven Verschreibepraxis ein Mittel der sozialen Kontrolle sehen, das vor allem das schwere Los betroffener Eltern und Erzieher lindern hilft. Anstatt nur Symptome zu bekämpfen, meint etwa die deutsche Soziologin Anna-Dorothea Brockmann, müsse das Augenmerk wieder verstärkt auf die Ursachen der psychischen Störungen gelegt werden.

Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Magenbeschwerden, Müdigkeit, Schwindel, Appetitlosigkeit sowie Entzugserscheinungen nach dem Absetzen der Medikamente können laut Vorsitzendem des Wissenschaftlichen Beirates der Nährstoff-Akademie Salzburg, Bodo Kuklinski, häufig beobachtet werden. Weitere Zweifel an den Psychopharmaka schürt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Er führt die Hyperaktivität bei Kindern im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Kollegen nicht auf eine zu geringe, sondern übermäßig hohe Dopaminausschüttung zurück. Die Amphetamine würden die Überflutung des Gehirns mit dem Botenstoff zwar bremsen, aber auch eine optimale Hirnentwicklung behindern. Als langfristige Folge befürchtet Hüther das frühzeitige Auftreten von Parkinson.

Der Umweltmediziner Kuklinski setzt auf eine Behebung der Störungen des Aminstoffwechsels durch eine gezielte Ernährung. Defizite bei den hoch ungesättigten Omega-3-Fettsäuren lassen sich etwa durch den Verzehr von Hochseefischen beheben. Es gelte Mängel zu erkennen und dem Gehirn die nötigen Mikronährstoffe zuzuführen. (Gerhard Dorfi/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26./27. 10. 2002)

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