"Ich sehe keinerlei Veranlassung für eine Publikumsmassage"

25. Oktober 2002, 14:17
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Howard Barker, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Dramatiker Großbritanniens im Interview

Howard Barker ist Dramatiker, Lyriker, Maler, Essayist und Regisseur. Der Autor von inzwischen über 50 Stücken zählt zu den bedeutendsten und wohl kompromisslosesten zeitgenössischen Dramatikern Großbritanniens. 2Gertrud. Der Schrei." unter der Regie von Johanna Tomek ist die 7. Produktion eines Stückes von Howard Barker im Theater m.b.H.

Der Autor war bei der deutschsprachigen Uraufführung anwesend und führte inmitten geschäftiger Premierevorbereitungen auf der Bühne des 20er Hauses mit Josef Zaunegger (Medienarbeiter), Paul Winter (Musiker und Komponist), Rainer Fritz (Techn.Angestellter) und Tamara Schwarzmayr (Vergleichende Literaturwissenschaftlerin) folgendes Gespräch, das hier gekürzt und in Auszügen wiedergegeben wird:

[...] Howard Barker: Nun, viele Leute, die sich mit meiner Arbeit beschäftigen lesen Foucault, oder eher noch Derrida oder Baudrillard. Die französischen Philosophen haben sich für Kritiker in ihrer Annäherung an mein Werk als hilfreich erwiesen, ich aber lese sie nicht. [...]

Der Diener Cascan warnt: "Denn die, die uns beherrschen hassen es, wenn nur ein einziger Frauenbauch sich ihrer Macht entzieht." Auch das ist für mich Foucault. Und ein zentrales Thema im Stück.

Howard Barker: Was Cascan in dieser Zeile sagt, und das scheint mir ungemein relevant für die zeitgenössische Gesellschaft, ist, dass es niemandem mehr erlaubt ist, irgend etwas zu besitzen, und sei es der eigene Körper. Er, der das Feld von Unabhängigkeit und Autonomie verkörpert, gehört uns nicht mehr, darf uns nicht mehr gehören, aus mehreren Gründen. Einer davon ist der Staat, der den Körper beansprucht. Dann die Kriminellen, die Anrecht auf den Körper erheben. Und schließlich die Polizei.
In England beispielsweise wird bald niemand mehr seinen Körper besitzen, denn falls man bei einem Unfall ums Leben kommt, nehmen sie dir dein Herz, deine Augen, ohne deine Erlaubnis. Im verbrecherischen Sinne meine ich etwa die beinahe routinemäßige Vergewaltigung von Frauen in London; dieser vormals private Bereich des Körpers ist nun öffentlich. Ich sehe das als Charakteristikum dekadenter Demokratien. Populardemokratie heißt, dem Menschen ist es nicht mehr möglich, Besitzer seines eigenen Fleisches zu sein. Das ist eine Zeiterscheinung, vielleicht ist es auch Foucault, ich weiß es nicht, aber... gewiss: wenn Cascan davon spricht, dass das Besitzrecht über den eigenen (Frauen)Bauch verloren gegangen ist, dann handelt es sich hier um einen Verweis auf die Gegenwart. [...]

Was Cascan betrifft: Nach seinem Tod beginnt alles zu zerfallen.

Howard Barker: Ja, es zerfällt. Weil er ein Organisator von höchster Instanz ist.

Aber er hat nichts mit Gott zu tun?

Howard Barker: Nein. Aber, wie Sie sagten: Cascan steht in der Tradition der klassischen Dienerfigur. Diderot, z.B.: Jacques, der Diener weiß mehr als sein Herr. Das ist eine Tradition in der europäischen Kultur. Was mich aber reizt ist, den Dienenden in den heutigen Demokratien darzustellen, nun, da wir keine Dienenden mehr haben, sie nicht mehr haben sollten. Schauspieler etwa finden es ungemein schwer, einen Diener zu spielen, die Idee des Dienens, die Idee von Selbstlosigkeit in einer egozentrischen Demokratie, in der offiziell jeder von gleicher Wichtigkeit ist. Das Verständnis des Dienens ist uns nicht mehr zugänglich, ist beinahe ein Archaismus. Und dem gilt mein Interesse: jemand lebt für jemand anderen. [...] Als Künstler bin ich interessiert an "archäologischen" moralischen Konditionen, wie wir sie nennen könnten. Und an Cascan haftet etwas "Archäologisches". Seine Art zu sterben etwa: er stirbt für jemanden, nicht für sich selbst. Er weiß als einziger den Zeitpunkt als politischen und insofern richtig einzuschätzen und handelt gegen Hamlet, der mehr und mehr zu einem Faschisten, einem wirklich moralistischen Faschisten wird. Und Cascan opfert sich selbst, die Opferung ist der wahre Schlüssel zum Dienertum. Wiederum etwas, das wir heute kaum mehr verstehen. [...]

Wir haben über Schuld und Unschuld gesprochen. Meiner Meinung nach stehen diese Begriffe in Korrelation mit dem Begriff Gott. Gott kommt in diesem Stück vor. Was für eine Art Gott ist er?

Howard Barker: Es ist kein personeller Gott. Schuld und Unschuld haben viel damit zu tun, ob man sein Leben lebt, in anderen Worten, ob man ist, was man sein will. Das ist eine Qualität, nach der Claudius sucht. In diesem Sinne ist es Claudius´Stück mehr noch als Gertruds; wir folgen seiner Suche. Und Claudius ist sich dessen bewusst, dass seine Entscheidung und das, was er mit Gertrud macht im Kampf gegen das System passiert. Wenn er über Gott spricht, so meint er das System. Er spricht über die Gesellschaft, über die Öffentlichkeit, denn in den westlichen Kulturen zieht Gott von einem Ort zum anderen weiter. Er ist nicht länger ein übernatürliches Wesen in der Kirche. Er ist weitergezogen, und in dieser Gesellschaft, in England beispielsweise ist Gott die Öffentlichkeit. [...] Die Idee der Öffentlichkeit, des Demos ist zu Gott geworden. [...]

Sie sagen, Gott sei in der Gesellschaft und Claudius will Gott töten. Was ist Claudius´ Intention?

Howard Barker: Claudius will die Regeln der Gesellschaft übertreten. Und die weibliche Sexualität ist für ihn der Weg zur Befreiung von gesellschaftlichen Ordnungssystemen. Im Bewusstsein, dass die Überschreitung innerhalb einer Demokratie, die ohnehin alles zulässt, äußerst schwierig ist, muss er einen neuen Weg finden. Und die einzige Möglichkeit besteht für ihn darin, die Frau in eine Form von Ekstase zu treiben, die kriminell ist. Ich denke, um die Ursprünge dieser Idee zu verstehen, müssen wir zu den "Journals" von Baudelaire gehen, wo es heißt: „Von Geburt an weiß jeder Mann, jede Frau, dass die höchste Ekstase nur durch einen kriminellen Akt hervorgerufen werden kann.“ Und Claudius treibt sie an diesen Punkt, während Gertrud weiß, dass dieser Schrei im Moment der höchsten Ekstase nur dann hervorbricht, wenn ihr erotisches Leben mit einem kriminellen Akt verbunden ist. Ob das nun Betrug oder Mord ist, nun, es handelt sich bei allen um Betrug. Das ist Claudius Obsession, an der er zerbricht, Gertrud nicht, aber Claudius. [...] Eine der ersten Botschaften, die uns Johanna Tomek zu Beginn der Proben vermittelte war: Vergesst Moral.

Howard Barker: Ja, ihr, die Schauspieler und Künstler, ihr dürft sie nicht haben. Aber man kann das Publikum nicht daran hindern, mit ihr zu kommen. Das ist das eigentliche Problem: durch die Türe bringen sie all ihre moralischen Platituden, ihren Humanismus, ihren bürgerlichen Individualismus, ihr Bewusstsein und ihre Schuld, all das bringt das Publikum mit. Und ihr, ihr dürft da nicht mitspielen, müsst bleiben, die ihr seid. Immer sage ich zu den Schauspielern: spielt füreinander und vergesst, dass sie da sind. Natürlich, sie beeinflussen die Reaktionen der Schauspieler, aber innerhalb des moralischen Konstruktes des Stückes geht es um euch, nicht um sie und euch. Das ist nicht üblich, Theater wird meist in einer Beziehung zur kritischen Instanz dargestellt. Denn die meisten Stücke sind humanistische Texte, die das Publikum zurückmassieren in die Ideen, die es mit sich gebracht hat. Warum sollte ich das tun? Ich sehe keinerlei Veranlassung für eine Publikumsmassage.

Wie ist die Rezeption ihrer Dramen in England?

Howard Barker: Die Feindseligkeit ist groß. Von Kritikern, von bürgerlichen, humanistischen Kritikern. Nicht so von Seiten des Publikums, da ist es anders. Aber ich kann nicht behaupten, ein populärer Schriftsteller zu sein. Und wahrscheinlich möchte ich das gar nicht sein. Die Herausforderung liegt in meinen Arbeiten und darin die Unmöglichkeit, populär zu werden. Die Stücke können nur erfolgreich sein durch die Art, in der sie gespielt werden, und dann kommt die Verführung des Publikums: kein Instruieren, keine Unterhaltung, sondern Verführung. Was auf der Bühne vorgeht, muss verführerisch sein, sonst kann es nicht in das Publikum eindringen.

Und auch irritierend...

Howard Barker: Ja, auf verführerische Weise... [...] (Transkription: Tamara Schwarzmayr)

Gertrud. Der Schrei.
Von Howard Barker
Eine Produktion des Theaters m.b.H.

Noch zu sehen:
Donnerstag, 24.10 bis Sonntag, 27. 10.2002, 20 Uhr
20er Haus (beim Südbahnhof)
Kartenreservierungen: 0699/124 88 575

Link

Theater m.b.H.
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