Andere Förderung anderer Kunst

25. Oktober 2002, 13:55
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Aktivitäten der Beamtenversicherung

Wenn sich die Politik aus der Kultur verabschiedet, greifen manchmal Einzelne ein: Eine Begegnung mit Johann Hauf, Generaldirektor der Beamtenversicherung.


Es ist ja nicht so, dass in einer Versicherung nichts geschieht; dass eine Lebensversicherung etwa erst mit dem Ableben aktiv wird; oder dass die Tätigkeit einer Pensionsversicherung im Warten auf die Pensionierung (von anderen natürlich) bestünde. Im Gegenteil: Alles ist wimmelnde Aktivität, das gegenwärtig Machen einer Zukunft, die weiter gefasst wird als ein Versicherungsfall - weshalb auch Kunstsponsoring dazugehört.

Sitzt man im luftigen Büro in der Wiener Grillparzerstraße etwa dem Generaldirektor der hierin äußerst aktiven Österreichischen Beamtenversicherung, Johann Hauf, gegenüber und fragt ihn, was ein Generaldirektor eigentlich mache, dann lacht er: "Das hat mich ein lieber Freund in London auch einmal gefragt." Die Frage ist aber auch deshalb berechtigt, weil die Beamtenversicherung unter Hauf eine Kulturförderung betreibt, die nicht auf "große Namen" aus ist, sondern das Vernachlässigte, aber Gegenwärtige vorstellt: Primär die neue Musik seit 1991; Literatur durch Buchankäufe und Veranstaltungen und - in Kooperationen - auch Symposien, 2001 etwa zum Thema "Moderne" mit Stars wie dem Literaturtheoretiker Terry Eagleton.

Ein Verdacht: Dieser eine Generaldirektor zumindest nützt jede freie Minute, um zu lesen. "Nur: Schreiben kann ich nicht so gut, das überlasse ich meinen Mitarbeitern Maurer und Enichlmayr, ich bin eher ein Musikant." Welches Instrument? "Schlagzeug. Ich spiele auch jetzt noch Jazz." Lieblingskomponist, klassisch? "Mahler". - Soviel Kunstsinn lässt an Franz Kafkas "Arbeiterunfallversicherungsanstalt für die böhmischen Länder" denken, in der es offensichtlich auch nicht nur um die Verhinderung von Unfällen (durch strengere Sicherheitsauflagen), sondern zugleich um Kunst ging: Der Generaldirektor Marschner arbeitete selbst wissenschaftlich über Goethe und Nietzsche; Eugen Lederer, Direktor der Unfall-Abteilung, veröffentlichte Lyrik in tschechischer Sprache, der im Nebenzimmer arbeitende Alois Gütling, der Kafka jahrelang mit technischen und statistischen Berechnungen zuarbeitete, publizierte drei Gedichtbände (konsequent also, dass Reiner Stach aus seiner Kafkabiographie am 28. 11. just in der Beamtenversicherung lesen wird). Es ist im weiteren auch diese Tradition, die dazu führte, dass in Österreich größere Versicherungen wie die Generali und die Österreichische Beamtenversicherung auch durch ebensolche, scheinbar artfremde, Aktivitäten in der Öffentlichkeit bekannt geworden sind: durch eine Förderung, die ganz anders ist als diejenige, die groß in den Medien vorkommt. Es ist eben nicht das Mäzenatentum eines Alberto Vilar, der eine Übersetzungsanlage für die Staatsoper finanziert oder einen ganzen Konzertsaal in Wien oder Opern in Salzburg: das klingt imposant, aber die Gegenwart, konkrete kreative Arbeit an und in dieser, wird, wörtlich, ausgespart. Und dem Staat wird gleichzeitig durch die hohe Privatspende ein Argument für den weiteren Rückzug aus Kunstförderung geliefert.

"Ich wollte nie das ohnehin Anerkannte fördern", sagt Johann Hauf, "sondern etwas, was vielleicht Zukunft ist". Aber: Sosehr es auch an der Initiative eines Einzelnen liegt, denkt der 1943 in Wien geborene Hauf doch an sein Unternehmen und die Mitarbeiter: "Wissen Sie, ich halte Provinzialität einfach nicht aus. Und moderne Kunst verhindert jeden Provinzialismus. Es fördert auch die Kommunikation im Unternehmen und nach außen". - Das scheint eine aus der Praxis herkommende Antwort auf die widersprüchlichen Forderungen von Politikern, die immer massiver nach "privaten Subventionen" im Feld "Kunst" rufen: Staatssekretär Franz Morak erklärte Kultur ja zum Wirtschaftsfaktor und forderte einerseits stärkeres Engagement der Unternehmen für kulturelle Veranstaltungen, anderseits mahnte er finanzielle Eigenständigkeit der Veranstalter ein. Renommierte Projekte finden aber leichter Partner in der Wirtschaft als experimentelle. An diesem Punkt steigt die Beamtenversicherung ein. "Wobei es mich am meisten freut", so der Generaldirektor, "wenn Mitarbeiter des Hauses hier etwas entdecken. Aber es lässt sich auch nichts erzwingen, das wäre Unsinn."

Das Sponsoring reicht von Zeitschriften (Wespennest) hin zur Bildenden Kunst. Und: "An den Geburtstagen bekommt jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin ein Buch." Am bekanntesten: die seit 1991 jährlich im Sommer abgehaltenen "Grabenfesttage", jeweils mit Kompositionsaufträgen zu einem Themenkreis. "Was da etwa zum Projekt Odyssee herauskam, das hat mich persönlich sehr gefreut", so der Weltbürger, der "nie Heimweh nach Österreich hatte". (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

Von Richard Reichensperger
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