"Ich habe so viele Träume geträumt"

25. Oktober 2002, 12:58
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Gerhard Bronner feierte am 23. Oktober seinen 80. Geburtstag. Im zweiten Teil des Gesprächs mit Thomas Trenkler erinnert er sich an das Kabarett der 50er-Jahre.

Sie waren 1938 über Brünn nach Palästina geflüchtet, kamen im Frühjahr 1948 eher zufällig wieder zurück nach Wien. Und arbeiteten dann für die Amerikaner beim Sender Rot-Weiß-Rot.
Bronner: Das war auch einer dieser sonderbaren Zufälle! Ich ging mit dem Fotografen Erich Lessing, den ich in Haifa als Taxifahrer kennen gelernt hatte, spazieren - und plötzlich kommt mir der Joschi Silberfeld entgegen. Auch ihn kannte ich aus Palästina: Er hatte einige ganz gute englische Texte geschrieben, von denen ich einige vertonte. Silberfeld nannte sich nun Joseph M. Sills und war Programmchef bei Rot-Weiß-Rot. Wie er das angestellt hatte, weiß ich nicht, aber die Amerikaner suchten natürlich Leute, die perfekt Englisch konnten und keine Nazis waren. Und er holte mich zum Sender.

1950 haben Sie Helmut Qualtinger kennen gelernt. Wirklich in der Rustenschacher Sauna?
Bronner: Ich hatte bereits ein bissl Kabaretterfahrung. Das hat der Qualtinger gewusst - und er hat mich angesprochen. Er war mir schon aufgefallen: Denn er ist in der Sauna in der Badehose herumgerannt - mit einer prall gefüllten Aktentasche unterm Arm. In dieser befanden sich seine gesammelten Werke, aus denen er mir sofort vorzulesen begann. Und wir haben uns zusammengeredet. Aber der Stein - oder vielmehr Mann - des Anstoßes war der Michael Kehlmann, der eine zeitversetzte Version vom Reigen herausbringen wollte, den Reigen 51, und mich fragte, ob ich die Musik und die Überleitungen machen wolle. Natürlich war ich bereit dazu. Dieses Programm wurde von Kehlmann, Carl Merz und Qualtinger geschrieben. Das war unser erster großer Erfolg. Und wir hatten das Gefühl, wenn wir zusammenbleiben, können wir es noch zu etwas bringen. Aber ganz anders, als wir es uns erwartet hatten: Im 53er-Jahr bin ich mit dem Kehlmann nach Hamburg, und wir haben zu einer Zeit, als es in ganz Deutschland nur 5000 Fernsehapparate gab, Sendungen gemacht, alles live natürlich. Der Kehlmann führte Regie, ich schrieb und komponierte. Wir konnten experimentieren, und das war das Wichtigste.

Aber hatten Sie in Wien nicht schon 1950 die Marietta-Bar gepachtet?
Bronner: Ja. Der Erste, den ich engagierte, war der Peter Alexander, der als zweite Besetzung im Bürgertheater praktisch nie etwas zu tun hatte. Aber ich wusste, wie gut er ist. Und er wurde in der Marietta von einem Schallplattenproduzenten entdeckt. Die Liane Augustin ist bei mir aufgetreten, der Ernstl Waldbrunn. Das Geschäft lief gut, aber mir ist fad geworden, und so gab ich die Marietta auf und ging eben nach Hamburg. Dort gab es während der Proben immer wieder Publikumsführungen. Einmal kamen 50 Pastoren in voller Montur ins Studio. Da wusste ich: Jetzt ist es Zeit, das Fernsehen zu verlassen. Und als ob es ausgemacht gewesen wäre, fragte mich der Besitzer der Marietta, ob ich nicht Lust hätte, die Bar zu kaufen. Sie kostete fast auf den Groschen genau das, was ich mir in Hamburg erspart hatte. Und so kam ich 1955 wieder nach Wien zurück.

Bereits 1952 war "Brettl vor dem Kopf" mit dem Lied "Der g'schupfte Ferdl" herausgekommen. Es folgten weitere legendäre Programme wie "Blattl vorm Mund", "Marx und Moritz", "Glasl vorm Aug". Die Zusammenarbeit mit Merz, Qualtinger, Georg Kleisler und Peter Wehle soll aber nicht ganz konfliktfrei gewesen sein.
Bronner: Ich bin eben als Sozialdemokrat aufgewachsen. Der Carl Merz war ein Kohlrabenschwarzer. Der Georg Kreisler eigentlich ein Kommunist. Der Peter Wehle war ein katholischer Monarchist. Und der Qualtinger ein Nihilist. Eine politische Nummer zu schreiben war also nicht ganz einfach. Zum Beispiel: Qualtinger und Merz wollten vor Augen führen, dass eine Koexistenz mit den Kommunisten im Ostblock nicht denkbar ist. Der Kreisler hat protestiert und gesagt, er steigt aus. Und zu Saisonende ist er dann auch ausgestiegen.
Sie sollen einmal gesagt haben, das Team sei 1961 aufgrund von "Barackenkoller" zerfallen.
Bronner: Das hat der Qualtinger so bezeichnet. Wenn man so viele Jahre gemeinsam in einer Garderobe sitzt, hat man genug voneinander. Aber der eigentliche Grund war: Nach einer Vorstellung von Hackl vorm Kreuz kam der Oscar Fritz Schuh zum Qualtinger und sagte ihm: "Ich übernehme in der nächsten Saison das Schauspielhaus in Köln und möchte, dass Sie bei mir Richard III. spielen." Qualtinger war völlig von den Socken und sagte, er hört mit dem Kabarett auf. Was er auch tat. Richard III. hat er aber bis zu seinem Lebensende nie verkörpert. Stattdessen spielte er den Herrn Karl. Ich baute inzwischen ein neues Ensemble auf - mit dem Peter Orthofer, dem Kuno Knöbl, dem Dieter Gogg, dem Gert Steffen. Eines Tages kam der Erich Neuberg, Oberspielleiter des Fernsehens, zu mir und sagte: "Der Quasi möchte wieder mit dir Kabarett machen, und zwar im Fernsehen." Schließlich hatten wir 1958 fast jedes Monat ein Fernsehkabarett gemacht, es hieß Spiegel vorm G'sicht und war ungemein erfolgreich. Aber ich sagte ihm, ich könne doch nicht meinem neuen Ensemble im Fernsehen Konkurrenz machen - denn dieses Kabarett würde natürlich viel erfolgreicher sein. Das hat der Neuberg eingesehen. Aber der Qualtinger nicht. Und er war viele Jahre bös' auf mich.

Eine Nummer aber haben Sie später doch gemeinsam für das Fernsehen produziert.
Bronner: Wir schrieben eine Nummer, die mir noch heute gefällt, darüber, wie ein Gastarbeiter die Österreicher sieht. Die hätte der Qualtinger in seiner guten Zeit aus dem linken Westentaschl gespielt. Aber er konnte es nicht mehr. Sein Gehirn war durch die Entwöhnungskuren und Elektroschocks schon so korrodiert. Er hatte diesen Beruf leider verlernt.

Zusammengearbeitet haben Sie daraufhin nur mehr mit Peter Wehle.
Bronner: Ja, insgesamt 38 Jahre lang. Bis zu seinem Tod. Wir haben komponiert, geschrieben, Klavier gespielt und vorgetragen: "Die vereinigten Chanson-Werke Bronner und Wehle".

Sie spielten genau definierte Typen.
Bronner: Der Wehle war der depperte Schusslige, ich der unangenehme G'scheite. Ich kann Ihnen versichern: Einige der bösesten Sätze, die ich in einer Doppelconference über den Wehle sagte, stammen eigentlich von ihm. Zum Beispiel der Schüttelreim: "Es tut mir in der Seele weh, wenn ich den Peter Wehle seh."

Aber das Publikum wusste das nicht - und setzte die Figuren mit den Personen gleich.
Bronner: Natürlich. Wehle, der Jus und Germanistik studiert hatte, saß einmal im Kaffeehaus. Da spricht ihn ein Gast an: "Sie sind doch doppelter Doktor. Wie können Sie es ertragen, dass dieser arrogante Bronner Sie im Fernsehen so behandelt?" Dass wir diese Typen nur gespielt haben, kapiert ein normales Publikum ja nicht.

Zudem waren Sie unangenehm: Sie prangerten Missstände an, kritisierten die Politiker.
Bronner: Ich habe Kabarett als "Kritik an der reinen Unvernunft" definiert. Und die Unvernunft geht ja bekanntlich durch sämtliche Parteien und sämtliche Bevölkerungsschichten.

Aufgrund Ihres Liedes "Der Papa wird's schon richten" musste Felix Hurdes zurücktreten.
Bronner: Ich hätte die Nummer aber auch geschrieben, wenn der Hurdes ein Roter gewesen wäre: Sie war eigentlich gegen die Polizei gerichtet, die sich von einem Bonzen beeinflussen ließ, und die Justiz, die den Fall niederschlug. Eine Anekdote am Rande: Mitte der 60er-Jahre erarbeitete ich mit dem Reinhard Federmann im Kärntnertortheater das Programm Companero ole, das sich mit dem Fall Franz Olah, der aus der SPÖ ausgeschlossen worden war, beschäftigte. Wir hatten sehr viel Hintergrundmaterial gesammelt, unter anderem auch über die Finanzierung der Kronen Zeitung. Damit das Programm nicht verboten werden konnte, haben wir das Ganze in ein Fantasieland nach Südamerika verlegt. In einer Sitzung des SP-Zentralkomitees wurde daraufhin der Antrag gestellt, mich aus der Partei auszuschließen. Aber ich war nie Mitglied.

Sie wussten doch ganz genau, dass Sie sich mit Ihrer Kritik unbeliebt machen. Wie geht man damit um? Man will doch geliebt werden.
Bronner: Nein. Man will zur Kenntnis genommen werden. Und vielleicht verstanden werden. Ins Theater kommen von vornherein nur die Leute, die mein Kabarett hören wollen. Ich bin mir daher vorgekommen wie einer, der älteren Damen erklärt, dass Witwenverbrennungen schädlich sind. Im Fernsehen hingegen konnte ich auch Andersdenkende erreichen.
Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg an?
Bronner: Eine Neufassung der Fledermaus für die Covent Garden Opera in London, die vom Fernsehen in die ganze Welt übertragen und mit hymnischen Kritiken bedacht wurde.

Also auf einem ganz anderen Gebiet.
Bronner: Ja. Das ist ja das Perverse. In Österreich bin ich praktisch nur als Kabarettist bekannt. Im Ausland hingegen überhaupt nicht. Dort hab ich Offenbach-Bearbeitungen gemacht, Filmmusiken, Drehbücher . . .

Für das Theater an der Wien haben Sie doch mehrere Musicals übersetzt, "Cabaret" zum Beispiel und "My Fair Lady" ...
Bronner: Aber daran denkt kein Mensch! Man denkt nur an den G'schupften Ferdl. Und der ist untrennbar mit dem Qualtinger verbunden.
Irgendwie ungerecht: Fast alle Lieder auf der CD "Die Qualtinger-Songs" stammen von Ihnen.
Bronner: Sie sagen es. Beim Trivial Pursuit gibt es die Frage: "Von wem stammt das Lied Der Marlon Brando mit seiner Maschin'?" Und 90 Prozent antworten wohl: Qualtinger.

Was sind Ihre Pläne? Sie hatten doch immer den Traum von einem großen Musiktheaterstück.
Bronner: Ja, ich habe jetzt auch ein diesbezügliches Angebot. Vor einigen Jahren schrieb ich ein Filmdrehbuch, basierend auf dem Hotel Savoy von Joseph Roth, das nicht realisiert werden kann, weil es zu teuer käme. Aber ein Produzent ist derart begeistert, dass er ein Musical will. Wir werden sehen. Ich habe so viele Träume geträumt in meinem Leben, aus denen nichts geworden ist. Es würde mich nicht wundern, wenn auch aus diesem nichts würde. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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