Kindsein, Dasein, Verlorensein

25. Oktober 2002, 14:21
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Arnold Stadlers Roman über einen Reisenden in Sachen Sehnsucht

Mit einer eiskalten Formel zieht Arnold Stadlers Erzähler Bilanz: "Sehnsucht ist Hoffnung minus Erfahrung." Wenig bleibt so unter dem Strich, aber das Wenige ist irreduzibel: eine Sehnsucht, die durch keine Erfüllung mehr zu enttäuschen ist. Angekommen im Norden, hat der namenlose Vortragsreisende aus Josefslust im Süden am Ende einer Fahrt quer durch Deutschland und quer durch seine Biografie diesen für ihn "lebenserhaltenden Hoffnungsschmerz" gefunden. Er ist sozusagen vor das niederschmetternde "erste Mal" - mit Uschi war das auf der Abiturreise in Hamburg, wie er sich jetzt in Cuxhaven erinnert - zurückgekehrt. Er hat damit nicht nur den Anfang hinter sich gelassen, sondern auch das Ende, denn von nichts anderem ist bei ihm ein Anfang Anfang als vom Ende. Stadlers "Versuch über das erste Mal" ist ein Exerzitium. Es dient der Austreibung und Rückgewinnung der Sehnsucht aus dem Leben. Es ist Ausdruck der Sehnsucht nach der Sehnsucht. In Cuxhaven erinnert sich der Erzähler an die kleinen Boote, die die Abiturienten damals nach Helgoland hinüberbrachten. Und diese Erinnerung wiederum lässt in ihm eine zwar nicht chronologisch, aber anthropologisch ältere Erinnerung an den Fischer wach werden, der seinen Gästen in der Blauen Grotte von Capri "O sole mio" sang: "Und das Lied war aus, noch bevor ich wieder an der Sonne war." Mit diesem Satz verlöscht auch das "Lied" des Erzählers in Stadlers Buch: "Ich habe nun mein Buch geschrieben." Dieses Buch im Buch ist ein chaotischer Sturzbach, eine Selbstverausgabung wider jede Erzählökonomie. Aber das andere, stillere Buch, das es umgibt, erinnert daran, dass Arnold Stadlers Sehnsucht nach der Sehnsucht eine Schreibsucht ist: "Anders als im Leben, können wir mit dem Lesen und Schreiben noch einmal ganz von vorne beginnen."

Die Wiederholung des "ersten Mals" ist nur als Buch zu haben. Mit dieser Klausel ist Stadlers "Apologia pro vita sua" versehen, die sich so süffig in einem Atemzug liest, obschon sie einem immer wieder den Atem verschlägt. Sein Erzähler ist eine Kunstfigur, seine Erzählung ein Märchen. Ein Wintermärchen einmal mehr, getragen von der tiefen Aversion gegen eine Gesellschaft, die "im Fernsehglauben, dass die Welt das war, was von ihr zu sehen war", den Schein zum Sein, das Bild zur Sache selbst erhoben hat.

Aber Stadlers Erzähler hängt am Bild, wie könnte er sonst erzählen! "Ein Unding aus Gläubigem und Voyeur, ein katholisches Ferkel" nennt er sich. Er will sehen und er will mehr als das, was er sieht. Er will leben: "Meine Geschichte ist eine einzige Erektionsgeschichte." Eine sokratische Erektionsgeschichte, ist zu präzisieren: Sie lebt von dem, was sie nicht bekommt. Die Sehnsucht gilt zuletzt der leer gewordenen Stelle Gottes. Weil jede Füllung aber nur Surrogat sein kann, vermag einzig Leere die Leerstelle adäquat zu füllen.

Hoffnung minus Erfahrung: Stadlers Erzähler will nichts gelingen. Er ist ein "ungebügelter" Mensch. Dazu wächst er heran in einer dekadenten Familie, in der die Tötungsneurose nach dem Krieg durch eine Jagdneurose abgelöst worden ist. Statt Kampfgeist bewirkt die Todespräsenz beim einzigen überlebenden Sohn einer "Nahkämpferdynastie" nur ein "Passionsvermögen". Der gescheiterte Versuch, vom Wehrdienst befreit zu werden, zwingt ihn von einem inneren in ein äußeres Exil. Er zieht nach Berlin um, von einer Fremde in die andere. Aber auch das Alter, auch die Ehe, das Leben an sich bläst zum Halali gegen ihn. Doch Psychologe Geigenmüller hat ihn "eingestellt, so dass ich auf diese Weise ein Leben lang davon abgehalten wurde, mir das Leben zu nehmen, und immer nur davon träumte, nicht mehr zu träumen". Mal mit Thomas Bernhardscher Rage, mal mit der anmutigen Verzweiflung eines Günter Eich rechnet Stadler ab mit Deutschland "zwischen Kant und Kolle". Mit einem Land, in dem die Orte Josefslust, Bleckede und Fallingbostel heißen. Mit einem Land, in dem nicht Menschen, sondern "Verbraucher" leben. Mit einem Land, das auch in seiner Joschka-Fischer-Version ein Nachkriegsland bleibt. Nach seinem "Verbrauchervortrag" besucht Stadlers Reisender in Sachen Sehnsucht den Swingerclub Blue Moon. Der letzte Mensch auf der Suche nach dem "ersten Mal", am Vatertag ausgerechnet. Im Darkroom erlebt er eine Unterweltsfahrt, die nur eines nicht bringt: die Mildtätigkeit des Todes. Wo er sich seiner Herkunft am fernsten wähnt, holt sie ihn ein. In der Fun-Kabine hat er einen Traum, in dem es zusammenschießt: Alle sind sie in diesem erbärmlichen Pornoschuppen gelandet, Uschi, Helga, Angelika, das ganze Josefslust, die ganze alte Zeit aus "Kindsein, Dasein und Verlorensein". Die Sehnsucht hat ihn auf eine fürchterliche Art heimgeführt.

Die Pointen aber kommen bei Stadler erst post coitum: Auf dem Parkplatz versagt das Auto den Dienst. So war das doch schon immer, das war doch die Sternstunde seines gescheiterten Lebens: als er an der Führerscheinprüfung nicht einmal losfahren konnte. Fahrlehrer Knötzele war's zufrieden, so blieb ihm der Schüler erhalten. Und der Erzähler hatte das Principium seines Lebens entdeckt: wegfahren wollen, ohne wegfahren zu können. Das Prinzip Sehnsucht. Oder eben: "das Lied war aus, noch bevor ich wieder an der Sonne war". (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

Von Samuel Moser
  • Arnold Stadler, Sehnsucht. EURO 23,60/328 Seiten. 
DuMont, Köln 2002
    foto: dumont

    Arnold Stadler,
    Sehnsucht.
    EURO 23,60/
    328 Seiten.
    DuMont,
    Köln 2002

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