"Ich glaub, ich krieg die Krise!"

25. Oktober 2002, 14:54
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Konflikte im Betrieb können nervtötend sein - sie gar nicht oder falsch auszutragen, aber auch

Szenario im Betrieb: Die Assistentin des Chefs beklagt sich bei ihrem Vorgesetzten über anhaltende Kompetenzstreitigkeiten mit der Sekretärin. Der Chef gibt vor, im Moment keine Zeit dafür zu haben, vertröstet auf später. Er wirkt konfliktscheu auf seine Mitarbeiterin, sie verlässt unzufrieden das Büro – in Wahrheit hat er aber gar keine wirkliche Lust, das Problem zu lösen, denn die Sekretärin ist eine wichtige Info-Quelle über Vorgänge im Unternehmen für ihn, die er nicht vergraulen möchte...und der Konflikt brodelt weiter.

Kulissen durchleuchten

„Auf der Suche nach Lösungen für einen Konflikt ist es also wichtig, zunächst hinter die Kulissen zu schauen und sich ein zu Bild machen, wem der Konflikt eigentlich nützt, wer aller daran beteiligt ist, und welche Rolle frau selbst darin spielt“, rät Sonja Grilc, Unternehmensberaterin und Trainerin u.a. für Konflikt- und Krisenmanagement für Frauen. „Malen Sie sich eine „Konfliktlandkarte“, um die mit dem Problem verbundenen Beziehungen, Vermutungen und Unternehmensstrukturen sichtbar zu machen: Welche sind die Hauptakteure, wer die Mitbetroffenen? Wie und wo kam der Konflikt ans Licht? Wie haben Sie sich bisher verhalten und wie wollen Sie weiter vorgehen? - Ein Bild kann das plötzlich viel klarer erscheinen lassen.“

Bitte keinen Rückzieher!

Sind die Ursachen und Hintergründe des Konflikts geklärt, gilt es das Gespräch mit dem oder den KonfliktpartnerInnen zu suchen. Und ob konfliktscheu, wozu gerade Frauen mit großem Harmoniebedürfnis neigen, oder streitlustig – beides hat immer ganz bestimmte Folgen für das Unternehmen. „Wenn Sie eher konfliktscheu sind, ziehen Sie jetzt nicht zurück – fragen Sie sich, was maximal passieren kann, wenn Sie so oder so handeln. Flüchten Sie, gehen Sie zwar den Weg des geringsten Widerstandes, aber Nichts zu tun ändert schließlich auch nichts. Definieren Sie stattdessen ihr Ziel und überlegen Sie in Ruhe, vielleicht mit neutralen KollegInnen, wie Sie mit den KonfliktpartnerInnen darüber sprechen können", sagt Grilc. "Wenn Sie andererseits dazu neigen, nach vorne zu preschen, nehmen Sie sich ein wenig zurück, sonst könnten Sie Lösungsansätze schon im Kern ersticken. Und fragen Sie nicht „Wer ist der Schuldige?“, sondern „Was ist das Problem?“ – das bringt den Konflikt von der persönlichen auf die Sachebene zurück und schafft eine gute Gesprächsbasis.“

Sprechen statt schreiben

Konfliktscheue Menschen würden oft auch dazu neigen, das direkte Gespräch um jeden Preis zu umgehen und den Konflikt zum Beispiel schriftlich, etwa per Mail, bereinigen zu wollen – davon rät die Expertin jedoch ab, denn: „Brief oder Mail ist Ein-Weg-Kommunikation, der oder die andere fasst das Geschriebene womöglich ganz anders auf, als Sie es meinen, vor allem, wenn er oder sie bereits eine vorgefertigte Meinung hat, und der Konflikt wird noch mehr geschürt.“
Gerade jetzt ginge es darum, Konfliktfähigkeit zu zeigen und über den eigenen Schatten zu springen: „Das bedeutet auch, in die Rolle des anderen schlüpfen und die Dinge vom anderen Standpunkt her betrachten zu können - nehmen Sie wahr, was der oder die andere möchte, ohne sofort zu bewerten oder zu interpretieren, aber geben Sie auch immer deutlich zu verstehen, was Sie selbst wollen und klären Sie vorab die Spielregeln. Übernehmen Sie die Verantwortung für sich, lassen Sie sie aber auch immer dort, wo sie hingehört. Und versuchen Sie, sich trotz innerem Widerstand den anderen Ansichten zu öffnen und gemeinsam an der Lösung zu basteln, damit am Ende eine Win-Win-Situation entstehen kann – was übrigens auch ein Zeichen persönlicher Reife ist.“

Günstiges Gesprächs-Umfeld schaffen

Für ein zielführendes Konfliktgespräch sollten aber nicht nur die persönlichen, sondern auch die äußeren Bedingungen passen, so Grilc weiter: „Suchen Sie sich zum Beispiel unbedingt einen neutralen Raum dafür, und nicht unbedingt das Chefzimmer, wo klar ist, wer hier das Sagen hat. Wenn Sie ein Gespräch unter vier Augen führen, setzen Sie sich nicht dem oder der KonfliktpartnerIn gegenüber – das signalisiert Gegeneinander – sondern Eck an Eck mit ihr oder ihm. Und achten Sie darauf, dass alle auf der gleichen Ebene sitzen, damit sie aus vorgefertigten Rollenverhalten herausgehen.“ Trotz Nervosität sei es auch wichtig, die eigenen Reaktionen und vor allem die Körpersprache im Auge zu behalten: „Setzen Sie sich ganz in den Sessel, nehmen Sie Platz für sich ein und machen Sie sich nicht klein. Und: Achten Sie auf ihre Stimme, damit sie mit der Emotion nicht nach oben rutscht.“

Kommunikationskiller vermeiden

Hilfreich sei es auch, sich vor dem Gespräch in Seminaren oder aus Büchern mit „Kampfrhetorik“ vertraut zu machen, um unproduktive Killerphrasen wie "Sie machen aber immer..." oder "Wenn Sie richtig zugehört hätten..." und Stresswörter zu vermeiden: „Das ist einfacher gesagt als getan, erst recht bei Diskussionen, sind doch die meisten davon schon fest in uns gespeichert“, sagt Grilc. „Es lohnt sich aber, weil frau damit lösungsorientiert handelt oder redet und die Konfliktpartner damit geistig auf andere Bahnen schicken kann, die nicht sofort Widerstand und Gegenargumentation hervorrufen, weil sie sich angegriffen fühlen.“

Missverständnisse der Geschlechter

Die Ursachen von Konflikten sind oft sehr komplex, hätten aber häufig klare persönliche, emotionale Auslöser wie zum Beispiel Neid, Stress, Wut, Übergangen-Fühlen, Generationsprobleme, Nicht-ernst-Genommen-Fühlen oder einfach das Zusammenprallen von verschiedenen Menschentypen. "Die Grundlage für Spannungen sind schon gelegt, der Grund der Spannung und somit der Konflikt selbst werden aber oft nicht wahrgenommen", schildert Grilc. Konfliktsignale können unter anderem übertriebenes Wettbewerbsverhalten, abschätzige bemerkungen, Sticheleien und Anspielungen oder Rückzugsverhalten sein. Viele Konflikte beruhen zum Beispiel auch auf Missverständnisse zwischen den Geschlechtern: „Wenn man weiß, dass Männer und Frauen in bestimmten Situationen einfach verschieden reagieren, dann bleibt daher ein großes Konfliktpotential schon von vornherein aus.“

Männer nehmen übrigens das Wort „Konflikt“ oder „Krise“ nur ganz selten in den Mund und sie trennen meist Sache von Gefühl: Sie können sich heftige Diskussionen liefern, sich wüst beschimpfen - und anschließend trotzdem gemeinsam auf ein Bier gehen, weil sie sich nicht persönlich angegriffen fühlen. Bei Frauen spielt – altbekannt – die Emotion und die Beziehungsebene da eine viel größere Rolle. "Die verschiedenen Denkweisen verlangen also, klar zu kommunizieren was frau möchte und dazu zu stehen, notfalls darauf zu beharren und nicht aus Angst vor dem Konflikt wieder einen Rückzieher zu machen - was natürlich anfangs Überwindung, Mut und Übung braucht, sich aber wirklich auszahlt, weil es die Chance zu Veränderungen bietet.“

Auf sich selbst schauen

Was der Unternehmensberaterin bei ihren Trainings immer wieder auffällt, ist, dass Frauen bei Konflikten oft viel zu viel auf das Ergebnis schauen, und dabei aus Harmoniebedürfnis oder der Angst, inkompetent oder unkooperativ zu wirken, auf ihre eigenen Bedürfnisse verzichten. „Wenn Sie aber tolerieren, dass so mit Ihnen umgegangen wird, werden Sie ohn-mächtig und fremdgesteuert und sind Plastillin für die anderen und es wird immer wieder passieren, dass man sie übergeht oder aber nicht ernst nimmt.“ Gerade in Krisen- oder Konfliktsituationen, wo beide Seiten gerne am Drücker sein möchten, gelte es, klar für sich Position zu beziehen: „ Überlegen Sie, wie weit der oder die andere mit Ihnen gehen kann: Er oder sie kann Sie dann vielleicht zwar haben – aber zu Ihren Bedingungen.“ (isa)

Kontakt:
Sonja Grilc,
Tel.: 0664/34 42 103
E-Mail

Seminare und Management-Trainings für Frauen bietet z.B. auch das Institute for International Research (IIR) regelmäßig an:
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  • Konflikte austragen oder scheuen?
    foto: standard/andy urban
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