Kampf der Totengräber

25. Oktober 2002, 11:46
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Gewerbeordnung neu: Im Bestattungsmarkt regt sich Leben - Am Wiener Zentralfriedhof könnten sich schon bald Sargträger aus Klagenfurt tummeln

Wien - Baumgartner Friedhof, Donnerstag knapp vor sechs Uhr abends: Welke Gerbera wurden nach Büroschluss noch rasch ans Grab gebracht, sibirische Saatkrähen rauschten von der Marmorplatte zum Gebirgsgranit und krächzten dabei in die eisige Novemberluft. Auch wenn der Friedhofswärter zur Eile mahnte: An diesem Abend blieb das Haupttor länger offen - die Bestattung Wien bat in der Aufbahrungshalle zur Pressekonferenz. Der einstige Monopol-Bestatter ist seit drei Monaten keiner mehr. Jetzt will er sich dem freien Markt stellen.

Öffnung als Chance

"Sehr plötzlich", so Geschäftsführer Christian Fertinger, sei die Bedarfsprüfung im Rahmen der Gewerbenovelle 2002 Anfang August abgeschafft worden. Die Öffnung solle nicht nur als Gefahr, sondern auch als Chance gesehen werden. Auch die Bestattung Wien, so betonte er, könnte in Zukunft außerhalb der Stadt tätig werden.

Erste Konkurrenten

Für die Anmeldung eines Bestattungsgewerbes ist inzwischen nur mehr die Befähigung notwendig, der Bedarf wird nicht mehr überprüft. Erste Konkurrenten, wie zum beispielsweise eine private Klagenfurter Bestattungsfirma, haben auch schon ihr Interesse am dichten Wiener Markt bekundet. "Wer uns Konkurrenz macht, muss auch mit unserer Konkurrenz rechnen", umschrieb Fertinger die betriebseigenen Expansionspläne Richtung Bundesländer. Da die Bestattung Wien trotz der veränderten Marktsituation das alleinige Aufbahrungsrecht in Wien besitzt, sollen die Aufbahrungshallen etwa auch den neuen Mitbewerbern zu "betriebswirtschaftlich kalkulierten" Preisen vermietet werden.

Betuchte Klientel im Visier

Außerdem will die hundertprozentige Tochter der Wiener Stadtwerke, die jährlich rund 17.000 Bestattungen ausrichtet, einige Kundengruppen gezielter ansprechen. Ein neues Unternehmen für die etwas betuchtere Klientel mit Sonderwünschen ist in Planung. Zu deren Serviceleistungen gehöre laut Fertinger unter anderem ein exklusiv abgestellter Organisator oder Dienste wie die Erweiterte Verabschiedung, eine halb- oder ganztägige Aufbahrung in Wohnzimmeratmosphäre. Diese, im anglo-sächsischen Raum übliche Zeremonie, ist auch für alle anderen Kunden um eine Tagespauschale von 500 Euro zu buchen.

Die Bestatter der Stadt Wien rechnen nicht damit, von den neuen Mitbewerbern überrannt zu werden. "Eventuelle Marktanteilsverluste werden nicht schlagartig, sondern gleitend auftreten", vermutete Fertinger. Mit "nur wenigen Prozenten in den ersten Jahren" rechnet dabei Arno Molinari, zweiter Geschäftsführer der Bestattung Wien.

Lockerung der Werberichtlinien

Eine Arbeitsgruppe des Fachverbands Bestattung zerbricht sich mittlerweile schon die Köpfe über eine Lockerung der restriktiven Werberichtlinien in der Branche. Innerhalb eines halben Jahres könne das Werbeverbot fallen, glaubt Molinari. Aggressive Werbung solle jedoch auch in Zukunft tunlichst vermieden werden - eine Imagekampagne wäre für Molinari jedoch auch im Trauergewerbe denkbar. (APA)

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    Wachgerüttelt: Der freie Markt hält im einst ruhigen Bestattungsgewerbe Einzug.

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