"Grenzfrauen" im Gespräch

25. Oktober 2002, 11:25
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Die Neugier einer Gruppe von Tschechinnen stand am Beginn des Projekts "Frauen ohne Grenzen" in Zwettl

Zwettl - Im hohen Waldviertler Norden betritt die Initiative - sie wurde mit dem Rosa-Mayreder-Frauenpreis 2002 ausgezeichnet - jedoch eindeutig Neuland. Zu allererst sei die sich öffnende Grenze "in der Beratungspraxis" bemerkbar gewesen, erzählt Elisabeth Eckhart von der Frauenberatung Zwettl. Tschechinnen seien gekommen, um nach Rat zu fragen: "Frauen, die nach Österreich geheiratet hatten - meist in einen bäuerlichen Betrieb hinein."

"Bitterlich beklagt" hätten sich diese Tschechinnen. Von ihrer - meist per Heiratsagentur in die Wege geleiteten - Übersiedlung ins Nachbarland hätten sie sich "wirtschaftliche Verbesserung erwartet". Um dann in der Regel Männer vorzufinden, die "weitaus schlechter ausgebildet" seien als sie selbst. "Die Frauen", schildert Eckhart, "wollten von uns wissen, welche Rechte sie in Österreich haben."

Anschließend - so Eckhart - seien Beschwerden von Österreicherinnen eingetrudelt. Über den Jobabbau in der regionalen metallverarbeitenden Industrie. Und über den - nicht nur bei Waldviertler Männern beliebten - Prostituierten-Strich im "drüberen" Teil der geteilten Stadt Gmünd/Ceske Velenice. Spätestens zu dieser Zeit sei klar geworden: "Wir müssen über die Grenze reden. Über die echte ebenso wie über die in den Köpfen."

Preisgeld: 3000 Euro

Dieser Gedanke, in Form des Projekts "Frauen ohne Grenzen" in die Tat umgesetzt, brachte den Organisatorinnen den Rosa-Mayreder-Preis 2002 der niederösterreichischen Grünen ein. 3000 Euro, die man benutzen werde, "um den tschechischen Kolleginnen die Reisen zu unseren Treffen nach Österreich zu finanzieren", erläutert Eckhart. Tschechinnen nämlich sei es letztendlich zu verdanken, dass das erste grenzüberschreitende österreichisch-tschechische Projekt von Frauen für Frauen im Waldviertel starten konnte.

"Wir waren neugierig, wollten in Erfahrung bringen, wie die Österreicherinnen leben", erzählt Marta Pejkhalova von der Wirtschaftskammer in Jindrichuv Hradec/Neuhaus. Also habe der Tschechische Frauenverband - eine einst in der Tschechoslowakei umfassend tätige, seit der "Sanften Revolution" im Jahre 1989 selbstständig agierende Organisation - mit den Zwettlerinnen Kontakt aufgenommen.

In der Folge wurde "intensiv diskutiert": Über Arbeitsbedingungen für Frauen und Kinderbetreuung beiderseits der Grenze, über den Stellenwert von Ehe, Lebensgemeinschaften und Alleinerzieherinnen, "auch über Abtreibung und die Rechte von Lesben und Schwulen", wie Eckhart betont. In vielen Bereichen seien den tschechischen Gesprächspartnerinnen die Waldviertler Verhältnisse - "wenig Kinderbetreuungsangebote, Berufsperspektiven und Wiedereinstiegschancen in den Job" - gar nicht erstrebenswert erschienen.

Derzeit bereitet man in Zwettl eine "aus eigener Tasche vorfinanzierte" Diskussionsveranstaltung am 27. November über Frauenhandel und Prostitution vor. Und hofft auf mehr Zuspruch als für den ersten Tschechischkurs. Der nämlich fand gar nicht statt: Nur zwei Frauen hatten sich angemeldet. (Irene Brickner/Der STANDARD, Printausgabe 25.10.2002)

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