"Das ist die Hölle, im Grunde genommen"

25. Oktober 2002, 13:54
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Der diesjährige Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig im Interview über Schreiben, Glück und DDR-Leben

Iris Hanika und Bert Rebhandl sprachen mit dem diesjährigen Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig über das Schreiben, Glück und das Leben in der ehemaligen DDR.


STANDARD: Wie geht es denn Ihrem aktuellen Buch "Das Provisorium"?

Hilbig: Nach zwei Auflagen ist es ziemlich abgestürzt. Mehr Leser gibt es eben nicht. Das will niemand lesen, so was.

STANDARD: War das bei den anderen Büchern anders?

Hilbig: Nein, auch nicht. Ich habe immer schon schlecht verkaufende Bücher geschrieben.

STANDARD: Aber denken Sie denn beim Schreiben überhaupt an Leser?

Hilbig: Ja. Ich halte das für eine Perversion, es nicht zu tun. Sprache ist ein Verständigungsmittel. Sie braucht ein Gegenüber. Alles andere ist falsch. Dieses Für-sich-Schreiben, das haut nicht hin. Das ist Romantik. Ich suche mir beim Schreiben meistens so ein Phantom.

STANDARD: Ein weibliches oder ein männliches?

Hilbig: Meistens ein weibliches. Es gibt aber auch Wutanfälle, wo man gegen ein konkretes Phantom anschreibt, da will man sich bei jemandem einkratzen oder jemandem auf den Kopf hauen.

STANDARD: Schreiben Sie auch aus Prestige?

Hilbig: Wenn man das so genau wüsste. Ich war ja lange Zeit in der DDR als Schriftsteller gar nicht vorhanden und habe zuerst im Westen veröffentlicht. Ich war ja illegal.

STANDARD: Wo wurden Sie zuerst wahrgenommen?

Hilbig: In einem "Zirkel schreibender Arbeiter", so nannte sich das. Da bin ich dann aber rausgeflogen.

STANDARD: Weswegen?

Hilbig: Erstens einmal war ich der einzige Arbeiter, und außerdem war ich der Einzige, der schrieb. Die anderen quatschten nur über Literatur. Das waren Lehrer, Studenten und Hausfrauen. Man las sich immer gegenseitig was vor. Ich wurde dann zu einem Lehrgang geschickt, weil ich als talentiert galt. Das war 1965. Damals wurde Biermann zur Unperson erklärt. Zwischen meinen Lehrgängen war ein Vierteljahr und auch das berühmte 11. Plenum des ZK, auf dem Honecker eine Verschärfung der Kulturpolitik einleitete, die für viele de facto ein Publikationsverbot bedeutete. Beim ersten Lehrgang wurde uns Biermann als Vorbild offeriert, beim zweiten wurde er niedergemacht. Da habe ich dann reagiert, und dann wurde ich rausgeworfen. Da war es aus mit mir.

STANDARD: Wo haben Sie damals gelebt?

Hilbig: Noch in Meuselwitz.

STANDARD: Und was war Ihr Beruf?

Hilbig: Was war ich da gerade? Ich war Werkzeugmacher.

STANDARD: Waren Sie nicht auch einmal Pförtner?

Hilbig: Habe ich alles gemacht.

STANDARD: Für die Kritiker ist es manchmal schwierig, dass jemand wirklich kein Akademiker ist.

Hilbig: Ja, das sagen die einem nicht, aber man riecht es.

STANDARD: Wann hatten Sie zum ersten Mal eine Idee von Literatur?

Hilbig: Ich habe immer schon geschrieben. Als Kind habe ich zuerst Heftserien geschrieben, die wurden in der Schule vertrieben, mit dem Vermerk "Fortsetzung folgt" am Schluss. Ein Freund hat die Titelseiten gezeichnet. Es waren Heftchenromane, Wildwest. Das war teilweise brutal abgeschrieben, aber meistens selbst ausgedacht. Dann wurde mir das irgendwann langweilig. Die Hefte wurden nicht vervielfältigt, sondern gingen so rum. Sogar mache Lehrer haben die gelesen, obwohl es eigentlich verboten war, weil solches als Schundliteratur galt. Das war schon eine gewisse Öffentlichkeit. Die Hefte sind alle verschwunden. Vor zwei Jahren bin ich umgezogen, da hatte ich die Hoffnung, sie in einem Koffer wiederzufinden. Aber der Koffer ist nie aufgetaucht.

STANDARD: Wie haben Sie Ihre erste Reise in den Westen erlebt?

Hilbig: Das war 1983. Ich fuhr zu einer Preisverleihung nach Hanau. Hektisch war das, stressig. Andauernd hatte ich Leute am Hals, ständig musste man essen gehen. Ich wollte gerne in eine Buchhandlung, da musste ich den Leuten sagen, sie sollen mich mal eine Viertelstunde in Ruhe lassen. Ich wollte Beckett kaufen, den es in der DDR nicht gab. Dann war es noch ein Problem, die Bücher in den Osten zu bekommen. Damals kannte ich schon den Autor Franz Fühmann, der sagte: Schick sie zu mir, bei mir kommen die alle an. So habe ich das dann auch gemacht. Es waren zwei Koffer.

STANDARD: Und in der DDR? Wann wurden Sie dort freier Schriftsteller?

Hilbig: 1980. Das ist auch durch Fühmann passiert. Der hat eines Tages zu mir gesagt: "Du musst verrückt sein, noch zu arbeiten. Diese Knöpfe dort kann doch jeder drücken." Im Kesselhaus war ich damals. Fühmann hat sechs Gedichte von mir in "Sinn und Form" veröffentlicht. Das reichte aus, und ich bekam eine Steuernummer. Da war ich nicht mehr asozial. Wenn man nicht gearbeitet hat, galt man ja als asozial.

STANDARD: Aber Sie haben doch gearbeitet!

Hilbig: Na, ich habe ja auch manchmal versucht, nicht mehr zu arbeiten und nur noch zu schreiben. Und es gab ja nicht nur das Recht auf Arbeit in der DDR, sondern auch die Pflicht zur Arbeit. Das sagt die PDS heute nicht dazu.

STANDARD: Sie haben mit einem Gedichtband angefangen, jetzt veröffentlichen Sie Romane. Wie kamen Sie von der Lyrik zur Prosa?

Hilbig: Ich habe nicht gewechselt, ich schreibe nach wie vor beides. Nur geht Prosa schneller. Lyrik ist etwas Essenzielles, das dauert Jahre. Mein erster Gedichtband bestand aus sechzig Gedichten, das waren Texte aus zwölf Jahren.

STANDARD: Die Natur spielt in allen Ihren Texten eine entscheidende Rolle.

Hilbig: Ich komme aus dem Wald. Ich bin im Wald aufgewachsen. Meuselwitz ist eine kleine Industriestadt im thüringisch-sächsischen Braunkohlebau, der heute nicht mehr existiert. Als ich noch ein Kind war, gab es da jede Menge Tagebau und viel Wald, Braunkohlenwald. Braunkohlenboden ist sehr fruchtbar, das muss man wissen. Viel Wald. Und dann gab es diese Tagebaue, die alle irgendwann absoffen, wenn sie ausgekohlt waren. Dann wurden die zu Seen, und zwar zu verschiedenfarbigen Seen, je nachdem, aus welchen Quellen sie gespeist waren. Und am Rand dieser abgesoffenen Tagebaue lagen riesige Abraumberge. Die bestanden aus weißem Sand. Das war Wüste. Also, ich hatte alles: Wasser, Wüste, Wald.

STANDARD: Ja, Ihre Texte sind mit Natur getränkt.

Hilbig: Mein berühmter Kollege Lenau aus Österreich, der immer so Wald- und Wassergedichte geschrieben hat, den habe ich in mich hineingefressen als Kind. Den habe ich versucht zu kopieren. Aber der hatte auch so ein schreckliches Leben.

STANDARD: Würden Sie sagen, Sie haben ein schönes Leben und sind ein glücklicher Mensch?

Hilbig: Nee, das Leben eines Schriftstellers ist nie schön. Besonders, wenn man unter Produktionszwängen leidet, die man nie richtig erfüllen kann. Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn ich nicht schreiben kann. Wenn ich längere Zeit nichts geschrieben habe, dann kriege ich Schwierigkeiten. Ich erhole mich beim Schreiben. Aber im Moment komme ich gar nicht dazu; der Büchner-Preis verhindert das Schreiben. Ich habe so viel Papierkram, und ich habe niemanden, der mir das macht. Außerdem bin ich noch Stadtschreiber in Bergen-Enkheim. Ich komme nur zu kleineren Texten. Ich denke, im Oktober nehme ich das Geld, und dann gehe ich gar nicht mehr raus und schreibe nur noch. Außerdem saufe ich jetzt die ganze Zeit, kann aber nur nüchtern schreiben.

STANDARD: Sie können nur nüchtern schreiben. Jetzt gibt's aber im "Provisorium" diese Stelle ...

Hilbig: Das ist erfunden. Das ist nicht ganz autobiografisch.

STANDARD: Es klang dort aber schon so, als würden Sie das kennen, dieses Sich-freikämpfen-Müssen vom Alkohol.

Hilbig: Ich habe mich schon mehrmals freigekämpft vom Alkohol, bin dann aber wieder zurück.

STANDARD: Ist das Schreiben stärker als der Alkohol?

Hilbig: Im Moment nicht. Aber eigentlich ist das Schreiben stärker.

STANDARD: Sie beschreiben in Ihrem Roman "Ich" die Stasi als den eigentlichen Untergrund der DDR.

Hilbig: Ich weiß nicht, ob ich das so gedacht habe. Einer hockt da im Keller, einer. Der findet sich mit seiner Aufgabe als Spitzel nicht mehr zurecht und fällt hinaus. Ob die Stasi der eigentliche Untergrund war - das ist eine reine These, die ich nicht wagen würde. Der Stasi wurde sowieso viel zu viel Gewicht beigemessen, von den Bespitzelten wie von den Spitzeln selber. Die Stasi war schon irgendwie ein Staat im Staat, aber man konnte sich verweigern. Das einfachste Mittel war die Dekonspiration; das war möglich, auch wenn viele Angst hatten. Zum Dekonspirieren brauchte man mehr Mut als zum Mitmachen, denn man wusste nicht, was die machen, und es sind üble Dinge passiert. Ich war einmal acht Wochen in U-Haft, und dort haben die versucht, mich anzuwerben, wie sie jeden Schriftsteller irgendwann einmal anzuwerben versucht haben, aber ich habe gesagt, nein, das mache ich nicht. Die Verhaftung war inszeniert worden mithilfe eines Freundes von mir, der sich später als IM (inoffizieller Mitarbeiter der Stasi) herausgestellt hat. Ich war nie ein oppositioneller Schriftsteller in dem Sinne.

STANDARD: "Ich" beschreibt die DDR als einen Phantom- staat. Gegenwärtig gibt es dagegen eine Ostalgie, die sich an Ausstattungsdetails ergötzt und die DDR als ganz gemütliches Land darstellt.

Hilbig: Für mich war die DDR nie gemütlich. Aber der Westen war auch ungemütlich. Sehen Sie, ich habe jahrelang als Heizer gearbeitet, da ist man auf dem untersten Level der Hierarchie. Da kann einem nicht mehr viel passieren, da gibt es höchstens noch den Knast. Da ist man fast frei. Man musste regelmäßig zur Arbeit gehen, und man hat nicht besonders viel Geld verdient, aber man konnte damit auskommen, und man konnte offen sagen, was man dachte, wenn man auf diesem Level war.

STANDARD: Sie sagen, Sie seien nicht selbstbewusst dem Literaturbetrieb gegenüber. Was meinen Sie damit?

Hilbig: Ein Freund hat kürzlich zu mir gesagt: "Du benimmst dich wie eine Nutte. Du machst alles mit!" Ich kann mich einfach schlecht wehren. Gegen Interviews zum Beispiel. - Einmal in meinem Leben habe ich mich gewehrt, ein halbes Jahr ist das her. Da habe ich mich geweigert, an einem Fernsehporträt mitzuarbeiten. Ich stürze nicht mehr zwei Stunden vor einer Kamera durch die Stadt, und dann werden sieben Minuten gesendet. Das ist die Hölle, im Grunde genommen.

STANDARD: "Das Provisorium" hat eine apokalyptische Dimension, was die westliche Zivilisation anlangt.

Hilbig: Der Kern des Buches ist eigentlich Tschernobyl. Das ist 1986 passiert, und das halte ich für die eigentliche Wende, für den eigentlichen Fixpunkt, an dem die Sache gekippt ist. Dass nämlich der Mensch seine selbstgemachte Welt, seine verfertigte Welt irgendwann nicht mehr beherrschen kann. Dafür ist Tschernobyl das deutlichste Beispiel gewesen. Man könnte das auch als das Ende des Industriezeitalters bezeichnen. Ich habe ja nun lange in der Industrie gearbeitet, und das interessiert mich schon. Das war plötzlich ein Punkt, wo man merkte: Das geht nicht mehr so einfach weiter. Wenn wir so weitermachen, wird es uns umbringen. Und dann diese Lügen! Damals gab es ja schon Gorbatschow und die Perestroika, aber sie haben gelogen wie die Hölle und fingen wieder an, das zu verdunkeln. Ich war gerade in Wien, als das passiert ist, und ich war entsetzt, wie die Wiener sich verhalten haben. Die Cafés waren alle leer. Keiner wagte sich mehr ... Bei der geringsten Wolke, die nach Regen aussah, ging niemand mehr auf die Straße. Da haben sich die Leute alle eingeschlossen. Das Wetter zog von der Ukraine über Wien in Richtung Mittelmeer. So waren die Wetterprognosen. Ganz Wien kam mir schreckerstarrt vor, eine Stadt, die sonst so unheimlich lebt. Das war für mich dieser Punkt. Das war das Ende des Kommunismus. Tschernobyl.

STANDARD: Sie sind eigentlich der Schriftsteller des Industriezeitalters: Sie beginnen mit der Kohle, wo Natur in Industrie übergeht, und Sie enden beim Atom.

Hilbig: Das wäre mir zum Beispiel viel lieber, als dass man mich immer als Arbeiterschriftsteller bezeichnet. Diesen Titel hasse ich nun wirklich wie die Pest.


Der sächsische Landbote

Es gab Tage im Leben des Wolfgang Hilbig, da könnte er sich gefühlt haben wie Büchners Woyzek, dem die Welt in einem ganz buchstäblichen Sinn abgründig wurde: In den Kohlebergbaugebieten der ehemaligen DDR wuchs Hilbig auf, in einer Gegend, in der die Erde ausgehöhlt wurde. Nur die Aufmerksamen sahen zu diesem Zeitpunkt schon, dass im real existierenden Sozialismus die Industriegesellschaft selbst sich ihrer Grundlagen beraubte, durch Raubbau an den natürlichen Ressourcen und mehr noch an den menschlichen. Hilbig, der am 31. August 1941 im sächsischen Meuselwitz geboren wurde, war damals ein Arbeiter, mehr gelitten als geschätzt unter den Kollegen, abgeschoben ins Pförtnerhaus oder später in einen Heizkeller, wo er sich der Literatur widmen konnte. In seinem Stasi-Roman "Ich" (1993) beschrieb er, dass in der DDR jede Form von Textproduktion als konspirativ galt und dass der Arbeiter-und-Bauern-Staat schon früh eine phantasmatische Gestalt angenommen hatte. Nur die Dossiers der Staatssicherheit handelten noch vom Alltag, während das Absurde zu wuchern begann. Hilbigs Erzähler setzen das Ich unter Anführungszeichen, weil sie die gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen an sich selbst zuerst wahrnehmen. In seiner Lyrik finden sich viele Metaphern des Zerfalls, das Anorganische ist ein Wunschmotiv in der Bilderwelt dieses Naturmenschen. Auf die Wende war Hilbig so unvorbereitet wie auf den Westen als Erfahrung einer Konsum- und Konkurrenzgesellschaft, die er in dem Roman Das Provisorium im Jahr 2000 beschrieb. Es liegt ein Moment der Ironie darin, dass er ausgerechnet 1989 den Bachmann-Preis bekam; der Büchner-Preis 2002 würdigt einen Schriftsteller, der durch eine ganz originäre, sprachliche Untergrundbewegung die deutsche Wiedervereinigung befördert hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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    Wolfgang Hilbig

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