"Nichts zu essen und zu trinken"

25. Oktober 2002, 20:11
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58 Geiseln frei, aber wenig Hoffnung für Andere - Terroristen ließen Fristen für Freilassung ausländischer Geiseln verstreichen

Moskau - Eineinhalb Tage nach dem Beginn des Geiseldramas in Moskau zeichnet sich für die bis zu 700 Menschen in der Gewalt tschetschenischer Rebellen noch immer keine Lösung ab. Die Terroristen entließen zwar bis zum Freitagabend (Ortszeit) insgesamt 58 Geiseln, darunter acht Kinder, doch für die große Mehrheit der in einem Musical-Theater gefangen gehaltenen Menschen blieb die Lage weiter dramatisch. Der als äußerst brutal geltende Anführer der Geiselnehmer, Mowsar Barajew, ließ am Morgen mehrfach Termine zur Freilassung der etwa 75 Ausländer, darunter drei bis sieben Deutsche, verstreichen.

Bei den Verhandlungen über die Freilassung der ausländischen Geiseln habe es in letzter Minute Probleme gegeben, sagte US-Konsul General James Warlick. Die Verhandlungen der Diplomaten mit den Geiselnehmern seien vorerst gescheitert. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hatte zuvor erklärt, die Geiselnehmer hätten die Freilassung der 75 Ausländer, unter denen sich auch eine Österreicherin befindet, zugesagt.

Hoffnung

"Wir hoffen, dass die österreichische Geisel uns noch heute übergeben wird", war die Auskunft eines Diplomaten an der österreichischen Botschaft in Moskau, der am Donnerstag den ganzen Tag am Ort der Geiselnahme war und mit dem österreichischen Botschafter in Moskau, Franz Cede, versuchte, die Österreicherin Emilia Predowa-Usunow (43) freizubekommen.

Die etwa 50 schwer bewaffneten Tschetschenen hielten sich ohne weitere Anzeichen des Einlenkens in dem Musical-Theater verschanzt. Aus den Reihen der Geiseln wurde am Freitagmittag in einem Appell an die Öffentlichkeit eindringlich vor einer Erstürmung des Gebäudes durch die Polizei gewarnt. "Im Saal halten ständig 15 Rebellen mit Sprengsätzen am Körper Wache", hieß in den über Mobiltelefon übermittelten Mahnworten. Bisher haben die Rebellen insgesamt etwa 50 Menschen aus ihrer Gewalt freigelassen.

Der russische Krisenstab machte keine Angaben über weitere Bedingungen der Terroristen. Auch mehr als 36 Stunden nach der Erstürmung der Konzerthalle im Südosten Moskaus ging die russische Staatsführung offiziell nicht auf die Forderung ein, die Truppen aus der abtrünnigen Teilrepublik Tschetschenien abzuziehen und den Krieg im Kaukasus zu beenden. Parlamentsabgeordnete bezeichneten das über Internet verbreitete Ultimatum der Rebellen, innerhalb von sieben Tagen über den Abzug der Armee aus der Kaukasusrepublik zu entscheiden, als "unerfüllbar".

Die Sprecherin des Theaters, Jelena Maljonkina, berichtete von einer sich zusehends verschlechternden Lage der Geiseln: Sie hätten nichts zu essen und zu trinken bekommen. Als Toilette müssten sie den Orchestergraben benutzen. "Sowohl Terroristen als auch Geiseln sind nervös. Jeder Schritt auf eine Stürmung wird zur Explosion des Gebäudes führen." Ein Arzt, der zwei Taschen mit Arzneien trug, ging in Begleitung eines TV-Teams in das Theater.

Der russische Fernsehsender NTW, dem es erlaubt wurde, ein Team in das Gebäude zu schicken, zeigte am Freitag erste Bilder von den Geiselnehmern. Unter ihnen war auch der mutmaßliche Anführer, Mowasar Barajew. Neben ihm waren zwei maskierte Männer und zwei in schwarz gekleidete Frauen zu sehen. Die Männer trugen Militäranzüge in Tarnfarbe. Die Frauen hatten das Gesicht mit einem Kopftuch mit arabischer Schrift verdeckt. Eine Frau trug eine Pistole und hielt scheinbar einen Zünder für einen am Körper befestigten Sprengsatz in der Hand. Ein Reporter der "Sunday Times" zitierte Barajew mit den Worten, die Rebellen seien "guten Mutes, und ihr einziger Traum ist es ein Selbstmordkämpfer zu werden".

Das tschetschenische Selbstmordkommando hatte den Konzertsaal im Südosten Moskaus am Mittwochabend gestürmt und Zuschauer, Sänger und Personal als Geiseln genommen. Die Rebellen wollten nach eigenen Angaben einen Abzug der russischen Truppen aus ihrer Heimatrepublik im Kaukasus erzwingen. Eine etwa 20-jährige Russin war bei dem Eindringen der Terroristen am Mittwochabend getötet worden. Präsident Wladimir Putin sah in dem Überfall die Handschrift des internationalen Terrorismus.

Starke Polizeikräfte und Sondereinheiten hielten das Gebäude weiterhin abgeschirmt. Mehrere russische Politiker hatten am Donnerstag vergeblich versucht, mit den Rebellen die Freilassung von Geiseln auszuhandeln. (APA/dpa/Reuters)

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