"Farben aus Petroleum"

25. Oktober 2002, 00:51
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Ein 'Special' und eine Reihe mit ausgewählten Schriften erinnern an die im Juli verstorbene Filmkritikerin, Autorin und Übersetzerin Frieda Grafe

Erfolg ist ein verderbliches Produkt, und einer, der diesen Umstand "mit Farbe karikierte", war Frank Tashlin. Mit der Aufführung seiner turbulenten bunten 50er-Jahre-Komödie Will Success Spoil Rock Hunter? sowie einer filmischen Hommage, die ihr Mann und ihr Sohn Enno und Igor Patalas zusammengestellt haben, erinnert die Viennale an Frieda Grafe, eine der maßgeblichsten Persönlichkeiten der deutschsprachigen Filmpublizistik.

Ihre Arbeit als Autorin - zuerst, in den 60er-Jahren für die legendäre Zeitschrift Filmkritik, später für die Süddeutsche Zeitung oder für Die Zeit - und Übersetzerin war geprägt von einem "fragenden Denken", das sich Filmen nicht mit vorgefertigten Erklärungsmodellen annäherte, sondern im Austausch mit ihnen komplexe Beschreibungen und Bezüge entwickelte. Von einer Offenheit, die gerade auch den versprengten Filmen Platz einräumte und ebensolchen Texten, die Erfahrungen von anderswo - aus der Kunstgeschichte, der Philosophie oder der Literaturtheorie - einbrachten. Eine Haltung, die sich auch in der Retrospektive zur Nouvelle Vague ausdrückte, die Grafe 1996 für hundertjahrekino und die Viennale zusammenstellte: ohne die Hits, aber dafür bis in entfernte Verwandtschaftsverhältnisse und in die Gegenwart weitergedacht.

Frieda Grafe, 1934 in Mühlheim/ Möhne geboren, hatte in den 50er-Jahren in München, Paris und Münster Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert. Der Beginn ihrer eigenen publizistischen Tätigkeit fiel mit den Anfängen der Nouvelle Vague zusammen. Die damaligen Kontroversen zwischen den cinephilen Generationen, so schrieb sie später, waren letztlich vom gemeinsamen Interesse gekennzeichnet, "das Kino zu schützen vor der Reduzierung auf Aussagen, seine Eigenart zu begreifen, wozu es einen Sachverstand braucht, um seine Art zu denken in der formalen Intelligenz seiner Inszenierung zu erkennen." ("Notizen zur Vulgärmoderne")

Dieser Zugang kommt auch in jenen Texten zum Tragen, die nun die Veröffentlichung von ausgewählten Schriften Frieda Grafes einleiten - ein Unternehmen, das mit ihrem Tod im Juli dieses Jahres nun plötzlich auch als posthume Würdigung erscheint. Filmfarben heißt der Band, der aussieht wie ein schönes altes Schreibheft, rosafarben. Und auch das Interesse der Autorin an den flüchtigen Farben auf der Kinoleinwand, an diesem "Wahrnehmungsluxus", dieser "Erfahrung, die nicht aufgeht in Funktionalität" ("Licht im Auge - Farbe im Kopf") ist zunächst einer Seherfahrung geschuldet sowie der Feststellung, dass die Beschäftigung mit ihr in anderen Texten zum Film kaum eine Rolle spielt. Und nicht nur dort: "All dieser Unsicherheiten und Unzulässigkeiten wegen wurde Farbe in der Ästhetik lange der Form untergeordnet, sie galt als Ornament, als qualité négligeable, die man, wenn auch mit nicht ganz gutem Gefühl, dem schönen Geschlecht überließ."

Ein Umstand, den Grafe wohl auch als eine Art Herausforderung verstanden hat: Was sie dann schreibend (und auch immer wieder in speziellen Filmprogrammen) mit der Farbe macht, geht - über ein rein ästhetisches Interesse hinaus - historischen und technischen Entwicklungen und Veränderungen nach, die sie wiederum in konkreten Filmbetrachtungen nachzeichnet. Beispielsweise im Zusammenhang mit Filmen von Douglas Sirk für Universal: "Rot sollten die Rots sein in Written on the Wind und nicht gleich wieder abgeschwächt durch bestimmte symbolische Bedeutungen von wilder und ungezügelter Leidenschaft. Wenn Assoziationen angebracht sind, dann eher solche, die vom schwarzen Gold, vom Öl, das den schnellen, unbeherrschten, verderblichen Reichtum produzierte, zum Glanz der Lack- und Acrylfarben führen, denn sie hängen ursächlich zusammen." ("Befreiende Farbe")

Auch der Text zu Will Success Spoil Rock Hunter? ist im Buch abgedruckt. An anderer Stelle schreibt sie über dessen Regisseur: "Tashlin hat nie das Kino zur Verdoppelung der Realität hergenommen. (...) Man sollte bei ihm den Konturen folgen, den vulgären, exzessiven, anschwärzenden Linien, mit denen er die Figuren und Objekte umreißt." Filmkritik, das heißt im besten Sinn auch immer: Gebrauchsanleitung. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)
  • Frieda Grafe, 20.8.1934 bis 10.7.2002 von Enno und Igor Patalas Stadtkino, 25. 10., 20.30
    foto: viennale

    Frieda Grafe, 20.8.1934 bis 10.7.2002
    von Enno und Igor Patalas
    Stadtkino,
    25. 10., 20.30

  •  Will Success Spoil Rock Hunter? Stadtkino, 25. 10.,  23.00
    foto: viennale

    Will Success Spoil Rock Hunter?
    Stadtkino,
    25. 10., 23.00

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