Österreichs Botschafter Franz Cede

25. Oktober 2002, 10:06
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Geprägt von einem Besuch in Grosny

Er trat ruhig auf, wirkte kompetent, sprach besonnen - Österreichs Botschafter Franz Cede machte am Donnerstag in Moskau eine gute Figur. Dabei war der 57-Jährige gar nicht in seinem angestammten Metier als Diplomat tätig - der grau melierte Herr mit Schal und Hut trat vielmehr als Pressesprecher vor Kameras und Mikrofone. Er erklärte dem westlichen (und vor allem deutschsprachigen) Ausland die aktuelle Lage zur Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater. Nachrichtenagenturen, Fernsehstationen, Magazine, deutsche und österreichische Tageszeitungen rissen sich um Cede als Interviewpartner.

Zu dieser für ihn neuen Rol- le war der Botschafter eher zufällig gekommen: Die Kidnapper schlugen Mittwochabend zu, Cede erfuhr Donnerstag um sieben Uhr Früh von der Geiselnahme und fuhr sofort zum Tatort. Als höchstrangigem anwesenden Diplomaten wurde ihm dort die Sprecherfunktion für das diplomatische Korps übertragen.

Zunächst wollte er noch selbst mit den Geiselnehmern Kontakt aufnehmen, um über die Freilassung der Theaterbe- sucher zu verhandeln. Dann übernahmen die russischen Behörden. Immerhin: Cede konnte noch am Donnerstagvormittag verkünden, dass die ausländischen Geiseln freikommen sollten. Bis Donnerstagabend verzögerte sich deren Freilassung allerdings - unter den Geiseln ist auch die russischstämmige Österreicherin Emilia Usunowa.

Cede ist seit etwas mehr als drei Jahren Missionschef in der russischen Hauptstadt. Er trat 1972 - zuvor in Innsbruck als Jurist promoviert und nach Studienaufenthalten an der Johns Hopkins Universität in Bologna und der Alliance Fran¸caise in Paris - in den auswärtigen Dienst ein.

Sein Karriereweg führte über die Botschaften in Frankreich, Marokko und Zaire bis ins Generalkonsulat in Los Angeles. Zuletzt war Cede sechs Jahre lang Leiter des Völkerrechtsbüros des Außenministeriums. Vor allem zu Völkerrechtsfragen (etwa zum Internationalen Strafgerichtshof), zu europa- und zu sicherheitspolitischen Themen hat der verheiratete Familienvater auch zahlreiche Publikationen verfasst.

In einem Interview, das er der Furche vor einem halben Jahr gab, sagte der Botschafter: "Ich bin sehr begeistert von der russischen Jugend. Ich hatte Gelegenheit, mit sehr intelligenten Leuten auf der Universität zusammenzukommen, auch mit Künstlern. Was mich begeistert, ist diese Kreativität, diese Neugierde und Herzlichkeit der Menschen. Freundschaft und Gastfreundschaft haben hier einen höheren Stellenwert als in Westeuropa." Als sein schlimmstes Erlebnis in Russland bezeichnete er eine Reise nach Grosny: "Wenn man das gesehen hat, kann man nichts mehr so unbefangen betrachten wie vorher."

(Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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