Treppenabsätze in die Vergangenheit

24. Oktober 2002, 19:42
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Die 46. unglaubwürdige Reise

Wege und Treppen, Zugänge zu Kaffeehäusern, Kinos, zu den verschwundenen Buchhandlungen und den gebliebenen, quer durch Kirchen, an segnenden Kardinälen vorbei, predigerlosen Kanzeln, quer durch den staubigen Weihrauch, die Erinnerung an den Brasil-Geruch der Weihnachtszigarre von Pater Born 1940, zu Ende geraucht oder nicht, erinnernd den Himmel in Paderborn, unter den er vor dem Sterben 1980 vom Orden gezwungen wurde, ins Vaterhaus der unverlorenen Söhne; erinnernd seine alten Lieben, die 1942 endlich und verspätet ausgetragenen Winterschuhe in verwüstete Wohnungen, wo sie von keinem mehr erwartet werden, die Namen Gertrud, Luise - am Ende, zu spät, als Taufnamen akzeptiert -, selbst eine Lotte, deren reale Existenz so fragwürdig ist wie die der heiligen Philomena, die es nie gab. Lotte hieß eine Schwester von Carl und Jakob Grimm, aber auch diese zuletzt nach Auschwitz verschleppte Sekretärin der "Hilfsstelle für Juden", die nicht mehr helfen konnte.

Erinnerung an gespenstische Rufe aus Wohnungen, die schließlich verstummten, aber ich weiß: Einer, der umsonst gerufen hat, hört nicht auf damit, bleibt unsouverän und verachtet auch als Entkommener. Während die charismatischen Ärzte an Kinderkliniken um 1930 - Dr. Jekelius hieß einer - erst ein oder zwei Menschenalter später, ihrer grausamen Versuche an Kindern wegen, in sibirischen Lagern sterben, vermutlich bis zu ihren seligen oder unseligen Agonien über die Gemarterten triumphierend.

Erinnernd höre ich das Lachen von Irene und was sie dazu sagte: "Schon wieder sieben Paar Schuhe in die Rotensterngasse gebracht, wo es keinen mehr für sie gab." Und nach dem Krieg: "I've switched over", sagte sie, als ich sie in der Singerstraße traf, inzwischen war sie lesbisch. Ihre Souveränität blieb bis unlängst, als wir uns mit den davongekommenen Schützlingen der "Hilfsstelle" noch einmal trafen: "Weshalb lachst du?" - Sie sah von Trudi zu Hansi und von Hansi zu Lisi, bestellte noch eine Melange und sagte zum Abschied fast zärtlich: "Es hat sich nichts geändert, dumm geblieben."

Ihr Vater war Tischler und ihr Bruder Charlie wurde Handschuhmacher in Glasgow; der Kleinere, Harry, geriet mitten in die Drogen und blieb darin. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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    foto: photodisc
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