FPÖ: Die Leere der Worthülsen

25. Oktober 2002, 10:46
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Gespenstisch gestaltete sich der Wahlkampfauftakt der Freiheitlichen im Wiener Hotel Intercontinental - Eine Sprachanalyse eines STANDARD-Literaturkritikers

Wien - Für jemanden, der aus einem Literatur- und Sprachstudium herkommt, war die schönste Erfahrung beim Wahlkampfauftakt der FPÖ diese - dass man über diese Partei momentan in der Vergangenheitsform sprechen kann, etwa im Imperfekt: Ein Albtraum, der vorüberzog. Freilich immer noch durch Landschaften oder Säle torkelnd wie die Untoten in Elfriede Jelineks Kinder der Toten, aber doch, im Perfekt: Vorbeigezogen. "Nicht im großen Tross", wie Karl Schweitzer als nicht gerade aufwühlender Anfangsredner meinte, "sondern mit hundert flexiblen Autos, auf 300 Großveranstaltungen, bei 100.000 Hausbesuchen." Hausbesuche - die Domäne von Altenpflegerinnen und Sektierern.

Das theatralische "Setting" dieses Auftaktes im Ballsaal des Hotels Intercontinental erinnerte an die 70er-Jahre, also eine Zeit, wo die FPÖ auch schon einmal nicht wirklich da war: Als Musikteppich ein Bigbandsound aus der Konserve, als Bühnenbild das Wahlplakat mit dem Spitzenkandidaten vor so viel gelbem Hintergrund, dass da eine Gruppe von Farbpsychologen, Jungianer vermutlich, wohl sehr lange beraten musste.

Vor allem aber ist es die Sprache, genauer: der fast völlige Sprachverlust, der die Leere dieser Partei ganz offen legt: Wie Walter Ötsch in seinem Buch Haider Light. Handbuch für Demagogie gezeigt hatte, beruhte der Erfolg der Partei nicht nur auf dem Aufbau simpler Feindbilder, sondern auch in gefühlsgeladenen Spracherfindungen ("Altparteien", "Sozialschmarotzer", "Salondemokrat", "Postenschacher"). Die gefühlsschwangere heiße Luft um faktisch selten belegbare Unterstellungen wurde umschlossen von einer sich immer neu häutenden Plastikhaut, die "unser Jörg" hieß. Die FPÖ-Führungsriege jetzt kann das nicht. Und das wirkt im Vergleich ja fast schon "einfach ehrlich". Die Rest-Riege füllt nur noch die äußeren rhetorischen Formen.

"Wir haben verlangt ...

Da verwendet Karl Schweitzer eröffnend die rhetorischen Formen des Superlativs und der Reihung, aber in der Ungeschicklichkeit enthüllt die Betonung des Großen erst recht die Schwäche des Kleinen: "Es geht los! Mit den besten Plakaten. Mit den besten Slogans. Wir starten heute mit der besten Homepage." Die rhetorische Wiederholung (Anapher) setzt Schweitzer auch ein, um den Gegensatz zu den anderen Parteien zu markieren: "Wir haben verlangt (...), wir haben verlangt (...) wir haben verlangt (...). Alles, was wir beantragt haben, wurde von Rot, wurde von Schwarz, wurde von Grün abgelehnt." - Nun ist Ablehnung und Abgrenzung aber noch kein Wahlprogramm. Was wurde von der FPÖ an diesem Abend eigentlich positiv entworfen?

Zur Vorstellung der eigenen Vorstellungen wählte Moderator Karl Schweitzer - neben der Argumentationsfigur der Behauptung ("Wir haben die geballte Wirtschaftskompetenz: Thomas Prinzhorn") - die aus der Volksschulpädagogik vertraute Form des Dialogs mit rhetorischen Fragen: "Thomas, du hast auch ein Modell zur Finanzierung." Oder, sich an Herbert Haupt wendend: "Herbert, was macht dich so sicher, dass wir am 24. 11. gut abschneiden werden?" Antwort: "Dass alle unsere Ideen kopieren. Mit Ausnahme der Drogenfreigabe, das wollen wir nicht."

Weiters: Eine Partei am Beginn des Wahlkampfes steht nun ja in der schwierigen Situation, dass man es sich mit möglichen Koalitionspartnern nicht gleich verderben will. Aus den Reden dieses Abends zu schließen, hegt die FPÖ noch Hoffnung in Richtung ÖVP. Zumindest wird dieser gegenüber kein klares Feindbild aufgebaut; wohl aber gegen Rot und Grün: Die FPÖ gibt die Wahl gleich am ersten Tag verloren, indem sie von einer Koalition Rot-Grün ausgeht. Deshalb wird vom Spitzenkandidaten Mathias Reichhold das Beispiel Deutschland sehr schwarz an die gelbe Wand gemalt. Immerhin fand Reichhold aber auch zur ersten fast jörgianischen Metapher des Abends, indem er (oder sein Ghostwriter) von der "rot-grünen Giftküche" sprach. Gegen dieses erfundene Gift ließen sich die eigenen Gegengifte anführen (Benes-Dekrete, österreichfeindliche EU). Aber es zog alles nicht. Wer glaube, die FPÖ umbringen zu können, der habe sich getäuscht. Aber: Hat sie sich nicht gerade selbst umgebracht? (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

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    Die FPÖ versucht sich mit leeren Worthülsen über Wasser zu halten

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