Murpromenade dank Melina Mercouri

24. Oktober 2002, 17:58
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Mit dem Kulturjahr 2003 nimmt die steirische Landeshauptstadt ein sündteures Facelifting vor und schafft eine neue kulturelle Infrastruktur.

Mit dem Kulturjahr 2003 nimmt die steirische Landeshauptstadt ein sündteures Facelifting vor und schafft eine neue kulturelle Infrastruktur. Die sich, laut neuerer Studien, sogar rechnet. Graz wird jedenfalls anders.


Graz - Große Dinge kündigen sich gelegentlich im Kleinen an. Grazer Spaziergeher können seit einigen Monaten unten an der Mur flanieren. Das provoziert zwar geradezu einen "Na und?"-Kommentar, ist aber genau betrachtet eine kleine lokale Sensation im Mikrokosmos Graz. Jahrzehntelang waren die Bürger den Politikern in den Ohren gelegen, doch endlich diesen einzigartigen Naturraum mitten in der Stadt erlebbar zu machen. Die Wünsche gingen beim einen Ohr hinein und beim anderen hinaus. Bis der Brief aus Europa kam.

Graz wurde Ende der 90er-Jahre auserkoren, 2003 den Titel "Kulturhauptstadt Europas"- diese Auszeichnung hat die griechische Kulturministerin Melina Mercouri einst angeregt - tragen zu dürfen. Und mit einem Mal erfasste die Grazer Stadtpolitiker eine Betriebsamkeit, und in der Aufgeregtheit und mit den zu erwartenden Millionen aus Europa war die Murpromenade plötzlich nur noch ein Lercherl. Ruck, zuck, und die Sache war erledigt! Dank Mercouri. Die großen Dinge freilich werden oben, zu ebener Erd’ aus dem Boden gestampft.

Graz wird in diesem Kulturjahr 2003 nicht mehr das Graz 2002 sein. Auch paradigmatisch gesehen. Die steirische Landeshauptstadt wird ihr Erscheinungsbild dramatisch verändert haben und damit wohl auch ein Stückchen ihrer Identität. Graz 2003 bringt einen Hauch an zumindest optischer Weitläufigkeit in die Stadt im Süden,

die sich in den letzten Jahren ohnehin zu sehr in provinzielle Gemütlichkeit zurückgezogen hat.

Graz hat sich für das Kulturjahr bis an die Grenze verschuldet und sich bereits eine schwere Rüge des Rechnungshofes eingehandelt. Koste es, was es wolle, dieses historische Fenster wollte einfach niemand in der Stadtpolitk zuschlagen.

Von der öffentlichen Hand - die Stadt Graz miteingerechnet - werden 56 Millionen Euro für "Graz 2003"-Projekte investiert. Finanziert wird damit das neue Wahrzeichen der Murstadt, das "Blasen"-Kunsthaus der Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier - ein historisches Dokument einer schwarz-grünen Zusammenarbeit. Ohne die Zustimmung der Grünen wäre dieser Jahrhundertbau nämlich nicht zustande gekommen, da sich die steirische SPÖ dagegengestemmt hatte. Einen Steinwurf vom Kunsthaus entfernt wird die bespielbare Murinsel des New Yorker Designers Vito Acconci langsam ins Wasser gesetzt. Weiter im Plan: ein Kindermuseum, das Literaturhaus sowie die Helmut-List-Akustikhalle.

Weitere 120 Millionen Euro wurden bereits für Projekte, die in mittelbarem Zusammenhang mit 2003 stehen, in die Veränderung des Stadtbildes investiert. Stichworte: "Dom im Berg", die Klaus-Kada-Stadthalle, der Umbau des Forums Stadtpark, der neue Hauptplatz.

Diese Kulturinvestitionen, so verspricht es zumindest eine Studie der Forschungsstätte Joanneum Research, werden über Umwege wieder in die öffentlichen Budgets zurückfließen. Bund, Länder und Gemeinden könnten mit einem zusätzlichen Steueraufkommen in der Höhe von 36 Millionen Euro rechnen. Für den Zeitraum 1999 bis 2004 seien ökonomische Impulse in der Höhe von insgesamt 120 Millionen Euro zu erwarten. Die Nächtigungsziffern steigen um jährlich vier Prozent. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2002)

Von Walter Müller
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    Am Ufer der Mur in Graz wächst "Murinsel" von Vito Acconi stetig. Nach Fertigstellung wird die Insel im November vom Stapel gelassen.

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