Observierungsposten für Deutsch

24. Oktober 2002, 16:02
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Sprach-Akademie schlägt Gründung einer Sprachbeobachtungsstelle vor, weil Deutsche Sprache an Bedeutung verliert

Darmstadt - Die deutsche Sprache verliert nach Ansicht des scheidenden Präsidenten der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Christian Meier, immer mehr an Bedeutung. Deutsche Wissenschafter und Manager verständigten sich oft nur noch auf Englisch, sagte Meier zum Auftakt der Darmstädter Herbsttagung der Akademie am Donnerstag in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Ich habe deshalb darum gekämpft, dass die deutsche Sprache in ihrer vollen Breite und Tiefe erhalten bleibt. Und mein Nachfolger wird dies auch tun müssen." Der neue Präsident wird am Freitag gewählt.

Verlust der Worte

"Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Vorlesungen in allen Fächern weiterhin auch in deutscher Sprache gehalten werden," sagte Meier. Wenn über naturwissenschaftliche Themen nicht mehr auf Deutsch debattiert werde, verliere die Sprache die dafür notwendigen Worte: "Damit werden die Menschen sprachlos und können bei aktuellen politischen Themen, etwa der Gentechnik, nicht mehr mitreden."

Frankreich als Vorbild

Der Akademiepräsident sprach sich für die Gründung einer Sprachbeobachtungsstelle aus, bei der Bürger bei Sprachproblemen anrufen könnten. "Das wäre nicht nur eine Dienstleistung für die Sprachnutzer und die Sprache selbst. Auch wir könnten sofort sehen, wo die Menschen Schwierigkeiten haben." Außerdem müssten Programme zur Förderung des Lesens aufgelegt werden, forderte Meier und nannte Frankreich als Vorbild: "Dort hat ein Autor eine Lesebewegung gegründet, in dem er Rentner zum Vorlesen in die Schulen schickt."

Kampf gegen Rechtschreibreform

Als zweites großes Thema seiner sechsjährigen Amtszeit nannte Meier den Kampf gegen die Rechtschreibreform: "Der aktuelle Zustand ist lästig. Jeder benutzt eine andere Rechtschreibung." Der Präsident bedauerte, dass sich die Kultusminister bislang allen vernünftigen Lösungen widersetzten. Lügen, Scheinheiligkeit und Ignoranz bestimmten die Debatte: "Es ist, als ob wir gegen eine taube Mauer reden würden."

Flinten nicht ins Korn werfen

Die Akademie als unabhängige Institution werde sich jedoch weiterhin für eine vernünftige Lösung einsetzen und in Kürze ihre Vorschläge zur Reform der Reform veröffentlichen. "Eine Flinte ist nicht dazu da, ins Korn geworfen zu werden", sagte Meier. (APA/dpa)

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