Leobener Frauenarzt-Affäre weitet sich aus

25. Oktober 2002, 09:06
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Falsche Diagnose: Kripo prüft zwölf Fälle

Kapfenberg - Die Affäre um einen obersteirischen Frauenarzt weitete sich Donnerstag neuerlich aus. Die Kriminalabteilung untersucht bereits zwölf Krebsfälle, in denen der 60-jährige Gynäkologe falsche Diagnosen gestellt haben könnte. Bei zumindest zwei Patientinnen soll er Brusttumore nicht oder viel zu spät erkannt haben. Die Frauen leiden jetzt an Krebs. In einem Fall, in dem eine Patientin vergangenen Sommer gestorben ist, ermittelt die Staatsanwaltschaft Leoben wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Der Arzt wies bisher alle Vorwürfe zurück. "Ich habe zum jeweiligen Zeitpunkt immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt", sagte der Beschuldigte in einem ORF-Interview. Eine der an Krebs erkrankten Patientinnen behauptet hingegen, dass der Gynäkologe auf ihr damaliges Ansuchen um eine Mammografie gesagt habe: "Ihr blöden Weiber wollt nur zur Mammografie laufen, wenn ihr glaubt, dass das hilft." Der Arzt wandte zur Unterstützung für Diagnosen unter anderem umstrittene Methoden an, wie zum Beispiel das "Auspendeln" von Medikamenten. Mit alternativen Behandlungsmethoden habe er in den vergangenen zwei Jahren "gute Erfahrungen" gemacht.

Gesundheitslandesrat Günter Dörflinger (SP) will die Arztpraxis schließen lassen, wenn Gefahr in Verzug ist. Aus diesem Grund hat Dörflinger ein Verfahren gegen den Kapfenberger Frauenarzt eingeleitet und dazu von der Staatsanwaltschaft Leoben Unterlagen angefordert. Geprüft wird ein Berufsausübungsverbot.

Auch die Ärztekammer hat eine Kommission zur Prüfung der Vorwürfe eingesetzt. Diese Initiative komme reichlich spät, wurde Donnerstag kritisiert. Denn bei der ärztlichen Schlichtungsstelle waren zwei der Fälle längst anhängig. Ärztekammer-Präsident Wolfgang Routil betonte, dass die Schlichtungsstelle eine eigenständige Einrichtung sei. Er habe erst aus den Medien von den Vorwürfen erfahren.

Der Vorsitzende der Schlichtungsstelle, Richter Peter Koczett, sagte hingegen, dass jeder Antrag in Kopie an das Kammerpräsidium gehe. Donnerstag einigte man sich auf ein "Frühwarnsystem": Ergebnisse von Schlichtungsverfahren werden künftig einer eigenen Kommission bekannt gegeben. (DER STANDARD, Printausgabe 25.10.2002)

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