Die Nerven liegen blank

24. Oktober 2002, 14:46
posten

Nach zehn Toten und drei Wochen der Suche gibt es immer mehr Verwirrung...

Washington - Die Angst vor dem umheimlichen Heckenschützen hält die Menschen um Washington bereits seit Wochen gefangen. Doch immer stärker wird der Psychodruck, denn zur Furcht gesellen sich angesichts des ausbleibenden Fahndungserfolgs nun zunehmend Ernüchterung und Frustration. "Sie haben das FBI, alle sind im Einsatz - und sie haben nicht einmal eine Spur", beklagt Fluggesellschaftsmitarbeiter Alfredo Mantica.

Kontrollen auf den Autobahnen

Während Autofahrer geduldig Kontrollen auf den Straßen über sich ergehen lassen und stundenlang in den Schlangen warten, schlüpft der so genannte Sniper durch alle Netze. Während die Schulen ihre Türen verriegeln und Veranstaltungen außerhalb der Gebäude absagen, macht sich der Täter über die Sicherheitsvorkehrungen lediglich lustig und betont in einer in der Nähe eines der Tatorte gefundenen Mitteilung: "Eure Kinder sind nirgends und zu keiner Zeit sicher."

"Sie kommen ihm einfach nicht näher"

Zehn Tote und drei Wochen offenbar erfolgloser Fahndung, bei der mehr als 1.300 Bundespolizisten die Kollegen in den Staaten Maryland, Virginia und dem District of Columbia unterstützen, zehren an den Nerven der Amerikaner: "Sie kommen ihm einfach nicht näher", sagt Leander Mouzon aus Baltimore. "Aber dies übersteigt alle Kräfte. Sie haben es mit dem Teufel zu tun."

Keine Hoffnung auf ein baldiges Ende der Schüsse

Was die Angst weiter wachsen lässt, ist nach Ansicht von Harvard-Psychiater Alvin Poussaint das Gefühl, "dass diejenigen, die helfen sollten, nicht helfen können - die Polizei oder die Eltern, die ihre Kinder beschützen sollen". Ohne große Hoffnung auf ein baldiges Ende der gezielten Schüsse aus dem Hinterhalt bleibt den verängstigten Menschen nur der Ausweg, ihre täglichen Verhaltensmuster umzustellen. Denn obwohl das Risiko, ein Opfer des Heckenschützen zu werden, relativ gering ist, kann es doch jeden treffen. Das haben die bisherigen Attacken bewiesen.

Der Gang vor die Wohnung wird zur Gefahr

Der Gang vor die Tür wird zur unkalkulierbaren Gefahr, viele überlegen zwei Mal, ob sie wirklich zum Einkaufen oder zum Tanken fahren müssen. Wenn Tony Thomas aus Fort Washington in Maryland den Tank seines Autos auffüllt, versteckt er sich jetzt hinter der Zapfsäule. Auch den Wagen seiner Frau tankt er in der Stadt auf, damit sie nicht zu einer Tankstelle in den Vororten fahren muss. An solchen Orten hat der Heckenschütze bereits mehrmals zugeschlagen.

Auch nahe der üblichen Fahrtroute, die Elizabeth White aus Eldersburg nach Washington nimmt, hat der Täter seine blutige Spur gezogen. Auf diesen Straßen wagt sich die 39-Jährige nun nicht mehr in die City. Ihre 18 Monate alten Zwillinge fährt sie auf einem langen Umweg zum Arzt. "Ich will nicht, dass meine Kinder keine Mutter mehr haben."

Vorsichtsmaßnahmen

Die Angst vor dem gefährlichen Schützen können aber auch die Vorsichtsmaßnahmen nicht nehmen. "Schon der Gedanke daran, dass da draußen jemand mit einem Gewehr wartet und wahllos seine Opfer aussucht - nur mit dem Ziel zu töten -, ist entsetzlich", sagt Psychologieprofessor Paul Slovic von der Universität von Oregon. Die Angst vor solchen Gefahren sei immer unverhältnismäßig hoch, erklärt er. "Daran können wir uns niemals gewöhnen."

Warten

Vielleicht hätten die Schulen nach der Drohung von neuen Anschlägen auf Kinder in dieser Woche lieber vorsichtshalber schließen sollen, überlegt Lastwagenfahrer Duane Day aus Maryland. "Aber selbst wenn der Heckenschütze heute seine Anschläge einstellt, kann er sie im nächsten Monat wieder aufnehmen", meint er. "Er könnte auch erst in einem Jahr wieder anfangen. Wir können die Schulen ja nicht für immer geschlossen halten."

Selbst zu Hause seien die Kinder derzeit "in ihrem eigenen Hinterhof gefangen", beklagt die Ärztin Ileana Esparraguera aus Gaithersburg. Wenn der Täter in einer Woche noch auf freiem Fuß ist, werden Eltern ihre Kinder auch an Halloween kaum von Tür zu Tür ziehen lassen. Und sollte der Heckenschütze in zwei Wochen noch nicht gefasst sein, müssten viele Wähler am 5. November voller Angst zur Abstimmung gehen. Selbst das für viele so wichtige Weihnachts-Shopping könnte der Anschlagserie zum Opfer fallen.

Deutlich heruntergeschraubt haben die Menschen mittlerweile ihre anfänglichen Erwartungen auf einen schnellen Fahndungserfolg. Wer Anfang Oktober mit einer baldigen Festnahme des Schützen gerechnet hat, musste resigniert eingestehen, dass der Terror noch wochen- oder monatelang weitergehen kann. Für die freiheitsliebenden Amerikaner ein entsetzlicher Gedanke. (APA/AP)

Share if you care.