von Clarissa Stadler

24. Oktober 2002, 22:58
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N., der sich mit dem Vorsatz, die Tageszeitungen zu durchforsten, in das Kaffeehaus am Eck zurückgezogen hat, versucht seit geraumer Zeit, die Aufmerksamkeit des Kellners zu erheischen. Da zwei Kräfte, die gegeneinander gerichtet sind, einander aufheben, hat er bis jetzt weder Zeitung gele- sen noch seinen dringenden Wunsch nach einer Melange an den Mann bringen können. Immer, wenn der Ober in die Nähe der Fenstertische navigiert, weicht er im letzten Moment dem zunehmend ärgerlicher werdenden Blick N.'s aus, als prallte er an einer unsichtbaren Wand ab. Immer wenn N. dann sein Interesse wieder auf die Titelseite der Zeitung richtet, hat er das Gefühl, im Augenwinkel den Ober herannahen zu sehen.

Durch die äußeren Umstände ausgebremst gerät N. in den Sog eines Gesprächs, das sich hinter seinem Rücken abspult. Immer wieder dringen einzelne Gesprächsfetzen an sein Ohr, die, jeder für sich, keinen Sinn ergeben. Pingpongartig kommt einmal eine glockenhelle Mädchenstimme und dann wieder ein weiblicher Bass zum Zug. Die höhere Stimmlage kann sich gegen das akustische Kaffeehausgemisch aus Reden, Lachen, Klappern und Blättern besser durchsetzen. Gerade dringen einige Bruchstücke an N.'s Ohr: ". . . große Füße . . . Männer . . . besser . . ." N. zuckt zusammen. Die Antwort der tieferen Stimme geht in der Geräuschkulisse unter. Wieder weht ein Fragment zu ihm herüber: ". . . kleine Schuhgrößen . . . Probleme . . .". N. spürt, wie seine Ohren heiß werden, wahrscheinlich sind sie knallrot. Er schließt die Augen, um sich auf den nächsten durch das Stimmengewirr dringenden Wortfetzen besser konzentrieren zu können. Dann passieren drei Dinge: Der nächste Satz, der N. erreicht, ist klar und deutlich und lautet: "Haben Sie schon bestellt?" Dann werden hinter seinem Rücken Stühle an den Tisch geschoben, die zwei Frauenstimmen brechen auf.

Als sich die Damen mit einem "Pardon" an seinem Tischchen vorbeizwängen, kann N. noch einen Blick auf die Schuhkataloge werfen, die sie unter ihrem Arm tragen. (Der Standard/rondo/25/10/2002)

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