Opfer von Entführungen oft fürs Leben gezeichnet

24. Oktober 2002, 19:25
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Psychologe: Massenpanik oder Ausbruchsversuch nicht zu erwarten

Moskau - Mit dem Ende einer Entführung ist für die Opfer nicht immer alles ausgestanden - viele sind ihr Leben lang gezeichnet. Zudem solidarisieren sich einige mit den Tätern, um die Situation erträglicher zu machen. Das sind Erfahrungen von Psychologen aus den vergangenen Jahren.

Diese Erkenntnisse haben ergeben, dass Menschen auf erstaunliche Art in der Lage sind, mit Todesangst fertig zu werden. Fluchtgedanken kommen bei den Geiseln nach den Erfahrungen von Psychologen selten auf. Nach den ersten Minuten der Panik flüchteten viele der Opfer stattdessen in Fantasien und Halluzinationen. Das Geschehen laufe vor ihren Augen ab wie ein Film und werde daher nicht mehr als so beängstigend wahrgenommen. Andere Geiseln versuchen demnach, ihren Sitznachbarn zu unterstützen und nehmen Anteil am Schicksal der Mitgeiseln.

Psychologe: Massenpanik oder Ausbruchsversuch nicht zu erwarten

Für die bis zu 800 in einer Moskauer Konzerthalle eingesperrten Geiseln ist nach Expertenmeinung die Organisation einer Notgemeinschaft schwierig. "Die Zahl der Geiseln ist unüberschaubar. Die Menschen werden sich zwar nach Sprache, Sympathie und sozialem Status zusammenfinden, aber keine große, starke Gruppe bilden können", sagte der Bielefelder Psychotrauma- Experte Werner W. Wilk am Donnerstag.

Ein Notwehrreflex zur Übertölpelung der Geiselnehmer sei daher nicht zu erwarten. "Selbst wenn unter den Geiseln fünf Männer sind, die einen Ausbruch versuchen wollen. Sie bekommen es nie organisiert, dass alle mitmachen", sagte Wilk. Anders sei die Lage etwa in einem der am 11. September entführten Flugzeuge gewesen. Damals hatten sich die Passagiere in ihrer Not zusammengetan und gemeinsam die Terroristen angegriffen.

Mit einer Massenpanik ist nach Ansicht von Wilk nach Extremereignissen nicht zu rechnen: "Sobald einzelne Menschen ausflippen, werden die in der Nähe Befindlichen versuchen, ihn zu beruhigen. Schließlich bringt er sonst alle in Gefahr", sagte er.

Der psychische Druck, unter dem die Geiseln stehen, ist in Wilks Augen schwer einzuschätzen. "Die empfundene Bedrohung hängt stark davon ab, ob man die Freilassung der Kinder oder die Aufnahme von Verhandlungen als Entspannung wertet", sagte Wilk. Andererseits könnten die Geiselnehmer die Angst geschürt haben. "Vielleicht haben sie Eskalationsstufen angekündigt und gedroht, jemanden noch vor Ablauf der siebentägigen Frist zu erschießen, wenn die Verhandlungen nicht schnell genug voran kommen."

Völlig von Informationen abgeschnitten zu sein, ist nach Wilks Beobachtungen eine der größten akuten Belastungen für die Geiseln. "Die Ungewissheit und Angst belastet die Psyche auf das Äußerste." Hingegen verbesserten Beschäftigungsmöglichkeiten das subjektive Empfinden. "Wer anderen hilft, spürt die eigene Bedrohung viel weniger."

Stockholm-Syndrom

Seit den siebziger Jahren ist das "Stockholm-Syndrom" bekannt - ein unterbewusster, psychologischer Schutzmechanismus: Die Geiseln solidarisieren sich mit ihren Peinigern, um auf diese Weise die Bedrohungssituation erträglicher zu machen. Täter und Opfer könnten dann sogar zu "Komplizen im Notstand" werden; dann nämlich, wenn die Bedingungen der Geiselnehmer nicht erfüllt werden.

In der schwedischen Hauptstadt hatten einige der Opfer 1973 bei einem Banküberfall mit Geiselnahme ein freundschaftliches Verhältnis zu den Kidnappern entwickelt. Beide Gruppen fühlten sich von der Polizei bedroht, die jederzeit die besetzte Bank zu stürmen drohte. Bei der Befreiungsaktion stellte sich eine weibliche Geisel, die sich in einen der Gangster verliebt hatte, schützend vor ihren Peiniger.

Nach den Worten von Harald Ackerschott, einem deutschen Experten in der Betreuung ehemaliger Geiseln, ist die Suche nach Nähe in dieser Extremsituation ein vollkommen natürlicher Vorgang. "Der Unterdrückte zeigt in der Regel dem Unterdrücker unbewusst Sympathien, um nicht weiter unterdrückt zu werden", so Ackerschott. Für das Stockholm-Syndrom gilt als wichtigste Voraussetzung, dass die Geiselnehmer kontaktfreudig sind und nicht ausgetauscht werden.

Polizei-Psychologe Hans-Peter Schmalzel erklärt derartige Verhaltensweisen mit der extremen Isolation, in der sich die Geisel befinde. Dadurch würden die Geiselnehmer zu "verläßlichen Personen" und stellten "ganz plötzlich den einzigen Anker" dar. Dieses Gefühl der Geiseln verstärke sich, wenn die Gangster ihre Opfer trösten: "Dir passiert schon nichts, wir wollen ja nicht speziell etwas von dir. Werden unsere Bedingungen akzeptiert, kannst du gehen."

Bei Geiselnahmen bauten die Opfer oft ebenso uneingeschränkt auf die Täter wie zum Beispiel Kinder auf ihre Eltern, sagte Schmalzel. Der Lebensbedroher werde für die Geisel zum Lebensbewahrer: "Plötzlich ist die Gefahr nicht mehr drinnen, sondern draußen. Nicht der Gangster ist die Gefahr; die Polizei wird zur Gefahr, weil man nicht weiß, was passieren wird."

Der glückliche Ausgang einer Entführung beeinflusst das ganze weitere Leben mancher Menschen. Sie finden nur schwer in den Alltag zurück und leiden oft noch Jahre später unter Albträumen, Schwindelanfällen, Taubheitsgefühlen in den Gliedmaßen oder allgemein labiler Gemütsverfassung. Menschen, die sich um andere gekümmert hatten oder in eine Fantasiewelt geflüchtet waren, konnten nach Beobachtungen von Psychologen aber auch vielfach Freude und Sinnerfüllung tiefer erleben. Für sie waren alltägliche Schwierigkeiten in Familie und Beruf weniger wichtig geworden. (APA/dpa)

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