Mit den Geistern spielen

23. Mai 2005, 14:43
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Bei den Samen, hoch in Finnlands Norden, wird jahrhundertealtes Wissen bewahrt. Ein Besuch bei den letzten Schamanen in Lappland

Ihr Haus gibt es hundertmal. Tausendmal. Es ist wie alle in Nordfinnland. Aus Holz, im Wald, hat CD-Spieler, Mikrowelle und keine Gardinen an den Fenstern. Das Haus ist fest in der Gegenwart fundamentiert. Die Vergangenheit ist zweihundert Meter entfernt und steht im Hof: die Jurte der Samen. In diesem Zelt hat das Jetzt keinen Platz, denn hier reist Maarit Paadar im Licht des Lagerfeuers weit zurück ins Dunkel der Zeiten. Hier schlägt sie die Trommel der Schamanen und singt die Joiks, die samischen Lieder vergangener Jahrhunderte. Hier erzählt sie die Geschichten ihrer Vorfahren aus den Zeiten, als die Kinder in Lappland noch mit den Geistern spielen und die Erwachsenen mit den Tieren sprechen konnten.

Manche in den dünn besiedelten Weiten Nordfinnlands können das noch heute. Maarit Paadar gehört dazu. Aus der Jurte steigt Rauch in den Himmel, und in ihrer Mitte knistert das Feuer, auf dem Maarit Lachssuppe für ihre Gäste kocht. Die zurückhaltende, vielleicht 55-jährige Frau mit dem dünnen, dunklen Haar hockt auf einem Baumstumpf, lächelt und wippt mit ihren Schuhen aus Rentierfell. Maarits Muttersprache ist Nord-, die ihres Mannes Intoo ist Inarisamisch, und als sich die beiden kennen lernten, konnten sie sich nicht in ihren Sprachen miteinander unterhalten. Zu unterschiedlich sind die insgesamt vier verschiedenen Idiome der Ureinwohner Lapplands. Maarit und Intoo mussten auf Finnisch flirten. Heute haben sie drei Kinder, die die Sprachen ihrer Eltern verstehen, aber nicht mehr sprechen - und sechs Enkel, die ihre Großeltern lieben und mit Samisch nichts mehr anfangen können. Wenn die Enkel in Inari fast 400 Kilometer nördlich des Polarkreises zu Besuch sind, erzählt Maarit Geschichten - und manchmal, wenn Reisende aus der Ferne in ihrer Jurte sitzen und danach fragen.

Sie muss sie nicht vorlesen. Sie braucht kein Märchenbuch. Sie hat die Geschichten selbst erlebt, denn als Maarit jung war, zeigten sich die Geister häufiger als heute. Früher, wenn sie mit ihrer Mutter Schafe zum Tenojoki-Fluss in Nordlappland brachte, kamen ihnen Herden buntgescheckter Schafe entgegen, die von menschlichen Wesen in roter Tracht begleitet wurden.

Die Samen tragen traditionell blaue Kluft - die Farbe Rot ist Göttern und Geistern vorbehalten, und gescheckte Tiere haben ebenfalls nur die Götter: "Die Fremden kamen uns bis auf fünfzig Meter nahe, ehe sie plötzlich verschwanden. Diese Wesen kannst du nur sehen, wenn Du ihnen direkt entgegenschaust. Von der Seite sind sie unsichtbar. Sie verschwinden durch Ritzen zwischen den Felsen in der Unterwelt, wo alles spiegelbildlich zu unserer Welt existiert. Die Wesen leben nicht, und sie sind nicht tot. Sie sind. Und manche Menschen können mit ihnen kommunizieren."

Früher brauchte man dazu die Hilfe der Schamanen, der Religionsführer, die sich mit Fliegenpilzgift in tranceartige Rauschzustände versetzt haben. Noaidi wurden sie genannt. Heute gibt es die samische Religion nicht mehr. Christliche Missionare haben sie ausgerottet, die Weltenwanderer ermordet, ihre Kultgegenstände verbrannt. Heute existiert keine einzige der alten, mit Symbolen verzierten Schamanen-Trommeln mehr in Lappland. Die wenigen, die das Feuerinferno der christlichen Mordbrenner überstanden haben, befinden sich in Museen im Ausland.

Nur etwa 5.000 Samen sind noch heute in Nordfinnland zuhause, die meisten zwischen Inari und Utsjoki im äußersten Norden des Landes. Sie bilden eine eher verschlossene Gemeinschaft. Viele junge Samen bekennen sich nicht mehr zur Kultur ihrer Väter, haben die Trachten abgelegt, wollen die Herden der Familie nicht übernehmen, sondern suchen ihr Glück im Süden, wo das Leben weniger hart ist. Im Norden lebt der samische Glaube im Verborgenen hinter einer Mauer des Schweigens fort - und in den Seelen der Menschen, die ihren Naturgöttern nie völlig abgeschworen haben. Noch heute opfern die Samen ihren Geistern, die offiziell Geschichte sind und insgeheim den Alltag bestimmen. Maarit kennt über ein Dutzend solcher Opferplätze in der

Umgebung, und ihre hochbetagte Mutter reibt noch heute jedes Frühjahr einen heiligen Stein am Ufer des Inarisees mit dem Fett des ersten gefangenen Lachses der neuen Saison ein, um das Wohlwollen von Geistern und Göttern zu erbitten. In vielen Details hat der alte Glaube überlebt: Nie würde ein Same einen Wacholder verletzen, nie einen Ast abbrechen, nie mit diesen Zweigen Fisch räuchern. Wacholder ist die heilige Pflanze der Spiegelwelt und gehört den Geistern.

Ihre Mutter war aufgebracht, als die kleine Maarit im Alter von vier, fünf Jahren mal mit einem Wacholderzweig in der Hand nach Hause kam. Sie musste zu der Stelle zurückgehen, wo sie ihn abgebrochen hatte und ihn dort in die Erde stecken, damit die Geister ihn selber mitnehmen konnten. Die neue Welt hat sich inzwischen dem Glauben von einst angepasst: In Lappland steht dieser Strauch inzwischen offiziell unter Naturschutz.

"Heute fehlt den meisten Menschen die Begabung, auf die innere Stimme und die Natur zu hören. Ihnen fehlt die Zeit und die Ruhe, zu fühlen, was um sie herum, unter und über ihnen geschieht", sinniert Maarit. Zwei Frauen oben in der Gegend von Utsjoki gibt es noch, die zwischen den Welten wandern können und es nur im Verborgenen tun, zwei weitere bei Sevettijärvi weiter im Osten. Fragte man sie, ob sie Schamaninnen seien - sie würden es bestreiten. Und milde lächeln.

Die Namen lebender Weltenwanderer sind tabu, die der Toten darf man preisgeben. Antti Helander war einer von ihnen - einer der letzten Schamanen Lapplands. Vor drei Jahren ist er neunzigjährig in Karasjoki gestorben. Was hat Maarit von ihm gelernt? Sie schweigt lange, bis sie doch etwas sagt: "Ich kann mich mit der Kraft meiner Gedanken an andere Orte versetzen und Intoo von dieser Jurte aus bei der Rentierscheidung in vielen Kilometern Entfernung zusehen." Es ist ihr nicht recht, sich das sagen zu hören. Lieber hätte sie es nicht erwähnt.

Sie hält ihre Trommel ans Lagerfeuer, damit sich das Leder in der Hitze der Flammen spannt und den richtigen Klang bekommt, streicht mit der flachen Hand den Rhythmus ihres Joiks auf das Fell, schlägt kräftiger. Joiks klingen so ähnlich wie die Gesänge der nordamerikanischen Indianer, und die ältesten dieser Lieder erzählen Geschichten aus der Zeit, als Schamanen noch alltäglich waren. "So lange über einen Menschen gejoikt wird, so lange lebt er fort", sagt Maarit. Eltern schreiben Lieder für ihre Kinder, Kinder welche für die Eltern, Freunde über andere Freunde. Immer gilt eine Regel: Wem das Lied gewidmet ist, der darf es niemals selber singen. Maarit hat eines über die Geister geschrieben, die auf ihrer Schulter sitzen. Es ist ihr Lieblingslied.

Sie hockt auf ihrem Baumstumpf am Feuer. Sie schaut herunter auf den Boden der Jurte. Auf etwas, das nur sie sehen kann. "Heute gibt keiner offen zu, zu den alten Geistern zu beten. Aber in die Kirche geht auch kaum einer." Maarit lächelt wieder. "Für mich ist die Kirche die Natur der Umgebung. Die Fjälle und Wälder sind mein Altar, die Vögel und der Wind meine Orgel. In der Natur fühlst du dich so klein. Und so beschützt. Einmal habe ich in der Kirche das Gefühl von etwas Höherem gehabt - als ich länger als eine Stunde in Nôtre-Dame in Paris gesessen und zu den Fenstern hinaufgeschaut habe. Es war dasselbe Gefühl wie sonst im Lappenzelt oder in der Natur."

Wenn heute samische Freunde zu Besuch sind, dann sitzen sie lieber in der Jurte beisammen als im Haus und spielen miteinander das Kartenspiel Tuppi, kochen Fisch nach alten Rezepten. Das letzte Mal kam Intoo Paadar verspätet dazu: "Ich war draußen bei meinen Rentieren in den Fjälls", erzählte er, "und habe am Horizont wieder die Herden aus der Spiegelwelt entlangziehen sehen." Die anderen freuten sich. Sie kennen den Anblick. Seit ein paar Monaten haben die Paadars ein solches buntgeschecktes Ren in ihrer Herde. Kein Same zweifelt daran, dass es ein Geschenk der Götter aus der Spiegelwelt ist, ein Zeichen für großes Glück. (Helge Sobik/DER STANDARD, Printausgabe)

Infos

Besuche auf der Rentierfarm von Maarit und Intoo Paadar arrangiert die Agentur Lapland Naturtours

Tel. 00358 / 208 / 325326

Fax 00358 / 163420736

Ideal zur Einführung ist ein Besuch im großen Samen-Museum "Siida" in Inari

www.samimuseum.fi

Buchtipp

Helge Sobik
"Das letzte Postamt diesseits des Polarsterns - finnische Fundstücke"
Picus-Verlag
EURO 13,90
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