Alte Beeren, neue Bohnen

29. Oktober 2002, 11:10
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Martino Zanetti ist Kaffee-Unternehmer, das liegt in seiner Familie. Daneben macht er aber noch einen der ungewöhnlichsten Weine Italiens aus Wildbacher-Trauben und braut Bier

Altösterreich kommt derzeit gut in Norditalien. Den Doppeladler sieht man in Padua und Treviso nicht selten auf den Heckscheiben der Autos kleben, schnelle und teure Autos meistens, die kurze Zeit der österreichischen Besatzung sei eben für manche Patrizier und Unternehmer durchaus von Vorteil gewesen, erfährt man. Vor allem aber sei das eine romantische Verklärung.

Jedenfalls habe diese K.u.k.-Sentimentalität nichts mit ihm zu tun, meint Martino Zanetti. Und das, obwohl der Sohn aus einer der wichtigsten Kaffeerösterdynastien Italiens nicht nur vor ein paar Jahren die alte Triestiner Kaffeemarke Hausbrandt gekauft hat, die dort Ende des 19. Jahrhunderts von einem Grazer gegründet wurde, sondern in seinem großzügig angelegten Prosecco-Weingut auch noch Italiens einzigen Blauen Wildbacher-Wein keltert und schließlich sogar seit kurzem ein Bier der uraltösterreichischen Marke "Theresianer" braut. "Ich mag Geschichte überhaupt", sagt Martino Zanetti, "ich liebe es, die Ursprünge von Dingen zu ergründen." Auch seine eigenen, und die liegen in Venedig, weshalb sich Zanetti auch nicht als Italiener sieht, sondern - wie in Venedig nicht selten - eben als Venezianer, "aber Österreicher bin ich auch nicht".

Kaffee spielt in Martino Zanettis Leben jedenfalls eine wesentliche Rolle: Sein Vater war einer der ersten wirklich großen Importeure von Kaffeebohnen, seinem Bruder Mario gehört unter anderem die auch nicht kleine Rösterei Moccarabia, seinem zweiten Bruder Massimo die immerhin zweitgrößte Rösterei Italiens, Segafredo. Somit blieb ihm eigentlich gar nichts anderes über, als auch ins Kaffeegeschäft einzusteigen, er suchte sich dafür aber eine ganz spezielle Preziose aus, nämlich die uralte und äußerst renommierte Hausbrandt-Rösterei aus Triest.

Diese wurde 1892 von einem Offizier der k.u.k. Handelsmarine namens Hermann Hausbrandt aus Graz gegründet, In den 30er-Jahren ging man eine Partnerschaft mit Francesco Illy ein, entwickelte gemeinsam die Illetta-Kaffeemaschine und die mit Stickstoff versiegelten Kaffee-container. Im Laufe der Zeit trennte man sich aber wieder und Hausbrandt wurde in Norditalien zu einer der führenden Kaffeemarken, italienweit matcht man sich mit Illy derzeit um den dritten Platz nach Lavazza und Segafredo.

Etwa 600 Röstereien gibt es in ganz Italien, berichtet Zanetti aus der harten Praxis im Espresso-Paradies, und da der Kaffee in jeder Region und jeder Stadt anders getrunken werde, hätte man als überregional agierendes Unternehmen natürlich immer die schlechteren Karten. "In Bologna trinkt man den Espresso mit höherem Robusta-Anteil, in Livorno dafür wieder genauso wie hier, das ist ja das Schwierige." In Kampanien, Kalabrien und Sizilien werde Hausbrandt jedenfalls nicht verkauft, "weil das ist eine andere Welt".

Auch in Österreich wurde der Hausbrandt-Kaffee übrigens nicht verkauft, das heißt, verkauft wurde er eigentlich schon, aber es war nicht der Originalespresso aus Triest. Und das geschah so: Ein weit entfernt verwandter Cousin von Hermann Hausbrandt besaß in Salzburg eine Drogerie mit angeschlossener Kleinrösterei, so wie das damals eben üblich war. Dem Triestiner Zweig war das vergleichsweise egal, bis dieser kleine Laden aber von einem Hans Wetsch erworben wurde, der sich daraufhin die Marke Hausbrandt für den österreichischen Markt sicherte. Was dazu führte, dass, während im Zuge des Espressobooms der vergangenen zwölf Jahre recht viele größere und kleinere italienische Kaffeemarken ihren Weg auf den österreichischen Markt fanden, gerade Hausbrandt immer eher eine Rarität darstellte und nur dort zu bekommen war, wo sich Gastronomen den Import der echten Ware selber organisierten.

Vor ein paar Jahren ging das Match dann in die nächste Runde, da wurde Hausbrandt Österreich nämlich vom Unternehmer Leopold Wedl erworben, der seinerseits 1995 in Bozen die Kaffeemarke "Testa Rossa" gründete und unter diesem Namen mittlerweile einige Café-Bars in Europa betreibt. Natürlich hätte man darüber verhandelt, den Namen für Österreich wieder zurückzukaufen, der verlangte Preis erschien Zanetti aber nicht angemessen, "die Geschichte ist noch nicht fertig, die Anwälte arbeiten noch daran". Nicht aus Revanche an den Österreichern, sondern "weil ich den Kaffee gut finde", wollte Zanetti vor ein paar Jahren übrigens die Wiener Rösterei "Santora" kaufen, "aber ich habe auch nur zwei Beine".

Bis es die Anwälte zu etwas gebracht haben, fährt Zanetti einstweilen jedenfalls eine andere Strategie, er änderte - exklusiv für den österreichischen Markt - den Namen in "H.Trieste 1892" um und versucht ihn vom Lienzer Weinimporteur Andrä Vergeiner in der heimischen Topgastronomie positionieren zu lassen, "es tut der Szene sicher nicht schlecht, wenn es einen Gegenpol zu Illy im Topsegment gibt", so Zanetti wenig bescheiden.

Mit Illy stimmt man übrigens in den meisten der qualitativen Verarbeitungs-und Selektionsmethoden überein, anders als der charismatische Espresso-Guru Ernesto Illy gibt sich Zanetti aber nicht so dogmatisch, was die Art der Bohnen betrifft: Illy propagiert die Einzigartigkeit der edlen Arabica-Bohne und bringt nur eine einzige Selektion auf den Markt, bei Hausbrandt darf in fünf der sechs verschiedenen Mischungen auch ein bisschen billigere Robusta hinein, "für mehr Körper".

Mehr Körper, als man vermuten würde, hat übrigens auch der Blaue Wildbacher von Martino Zanetti, der unweit seiner neuen Rösterei in den Hügeln von Conegliano wächst. "Österreicher kommen viele her", erzählt er, "vor allem Leute aus der Steiermark, die wissen wollen, wie ihr Schilcher hier schmeckt." Den Weingarten besitzt Zanetti erst seit ein paar Jahren, als er ihn übernahm, war er gerade eineinhalb Hektar groß und ergab Jahr für Jahr einen interessanten, eigenartigen Rotwein. Wie genau die Schilcher-Rebsorte hierher gekommen war, weiß man nicht mehr, historische Belege besagen aber, dass er schon seit über 300 Jahren in der Region existierte und meistens in eine Rebsortenmischung kam. Zanettis Weingarten ist zumindest 40 Jahre alt und besteht - das macht den Ausflug für die Schilcher-Winzer so interessant - aus einer Art Urklon, der in der Steiermark nicht mehr vorkommt, "eine Art Jurassic Park eines Weingartens".

Der Kaffeeröster erkannte den Wert der Anlage jedenfalls recht schnell, engagierte den Star-önologen Franco Bernabei, weitete die Rebfläche auf fünf Hektar aus, verdichtete die alten Anlagen auf 6000 Stöcke pro Hektar und ist - wenn man sich den wunderschönen Weingarten in perfekter Südlage ansieht (Prosecco-Stöcke stehen auch auf Nordhängen) - auf die einzige nennenswerte Wildbacher-Pflanzung außerhalb der Steiermark zu Recht stolz, "und auch Franco Bernabei ist begeistert". Anders als der Önologe es wünschen würde, kommt aber nicht der gesamte pfeffrig-pflaumige Wein in Barriques, sondern nur ein kleiner Teil, "weil wir kennen die Rebsorte schließlich besser als der Franco".

Mal sehen: Sollte jemals wer in Italien Grünen Veltliner anpflanzen, dann ist es jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit Martino Zanetti. (DerStandard/rondo/Florian Holzer/25/10/02)

Hausbrandt Caff`e und Wildbacher Colsandago bei Andrä Vergeiner
Am Markt 1
9900 Lienz
Tel.: 04852/6680 80
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    foto: hausbrandt
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    foto: hausbrandt
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