Besseres Leben, besserer Wein

28. Oktober 2002, 23:16
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Wie ein Anwalt und ein Lastwagenfahrer ihre früheren Berufe an den Nagel hängten, um gemeinsam einen der besten Weißweine Spaniens zu machen

Das Dasein als Anwalt ist im wirklichen Leben auf die Dauer eher fad, auch wenn uns die Anwaltsserien, die täglich über die Fernsehschirme flimmern, etwas anderes weismachen wollen. Also beschloss Javier Alén - damals noch erfolgreicher Anwalt in Madrid -, als er vor 14 Jahren das Weingut seiner Großeltern erbte, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und den Ausstieg zu wagen. Immerhin stammt er aus einer alteingesessenen Weinbauernfamilie aus St. Clodio im Herzen des Anbaugebietes DO Ribeiro, und die Jahre harter Berufspraxis in der Hauptstadt lehrten ihn zumindest Ausdauer und Entschlossenheit beim Erreichen seiner Ziele.

Das kam Alén durchaus zugute, lag doch der Ribeiro nach einer schon fast dreihundert Jahre andauernden Krise so ziemlich danieder: Das Anbaugebiet am Mittellauf des Rio Mino rund um das Städtchen Ribadavia hatte seit dem Spanischen Erbfolgekrieg Anfang des 18. Jahrhunderts keinen nennenswerten Wein mehr hervorgebracht. Der Konflikt mit Großbritannien und das daraus resultierende Handelsverbot mit dem Kriegsgegner brachten den Niedergang der einst neben dem Xerez berühmtesten spanischen Weine. Die englischen Händler und mit ihnen die lukrativen Exporte wanderten ins portugiesische Oporto ab, Reblausplage, Randlage und Verarmung der Provinz Galicien prolongierten die Krise.

Verloren gingen neben dem Rum der Region auch die regionaltypischen Sorten, auch auf Aléns Gut "Vina Meín" standen nur noch Xerez-Trauben, die zwar für den Granitboden und das eher feuchte, vom Atlantik beeinflusste Klima Galiciens völlig ungeeignet waren, aber relativ hohe Erträge für billigen Fusel, der für den Export nach England bestimmt war, ergaben.

Af der Suche nach den großen Weinen

Alén wollte aber einen Wein machen, der den Namen Ribeiro zurück auf die Landkarte der großen Weißweine brachte. Er ließ also die Weinstöcke ausreißen, pflanzte an ihrer Stelle Treixadura, die alteingesessene Traube der Gegend, investierte in einen modernen Weinkeller und einen Kellermeister. Und weil auch das Leben als Lastwagenfahrer nicht spannend ist, zögerte Ricardo Vásquez keinen Augenblick, die Stelle anzunehmen. Auch er stammt aus dem Ort und aus einer Weinbauernfamilie und kennt Alén seit Jugendtagen.

Nachdem die neugepflanzten Weinstöcke die ersten Erträge erbrachten, musste erst einmal lange experimentiert werden. Denn nachdem es von leuchtenden Beispielen nicht gerade wimmelte und die historischen Ribeiros eher süße, schwere Weine aus sonnengetrockneten Trauben waren, galt es, einen hervorragenden Ribeiro überhaupt erst einmal neu zu definieren. Nach unzähligen Proben und Verkostungen hatten sie ihre Formel dann beieinander: 80 Prozent Treixadura, 15 Prozent Godello und fünf Prozent Albarino - und viel Geduld. "Den Weinen hier muss man Zeit lassen und sie mit Ruhe behandeln", sagt Ricardo Vásques.

Granitboden und Nuancen von Zitrone, Apfel und Honig

Neben der ausgewogenen, fruchtigen Säure blitzen Nuancen von Zitrone, Apfel und Honig auf. Auch die Tatsache, dass der Wein auf einem Granitboden wächst, macht sich am Gaumen angenehm bemerkbar. Ein kleiner Teil wird in neuen, französischen Eichenfässern ausgebaut, was ihm noch mehr Tiefe und eine zarte Holznote verleiht. Die Barrique-Version ist allerdings noch eine Rarität, lediglich zwei Fässer mit jeweils 300 Litern stehen zur Verfügung, es sollen aber bald weitere hinzukommen.

Dass die beiden Protagonisten Alén und Vásquez den Zeitgeist ziemlich punktgenau trafen, belegt der enorme Zuspruch, den ihr Wein sofort erfuhr: Schon ab Mitte der 90er-Jahre tauchte Vina Meín auf den Weinkarten diverser Edelgastronomen Kaliforniens auf, in José Penins spanischer Weinbibel "Los mejores Vinos y Destillados" hatte er von Beginn weg seinen Stammplatz mit jährlich steigender Bewertung. Javier Alén konnte sich also erst einmal zurücklehnen, gab seinen ungeliebten Job endgültig auf und widmete sich ausschließlich dem Wein. "Ich suchte ein besseres Leben und ich habe es gefunden!"

Auszeichnungen und hohe Bewertungen

Die Auszeichnungen und hohen Bewertungen, die der Vina Meín eingeheimst hat, garantieren einerseits eine anhaltende Nachfrage - allein die Bestellungen aus Amerika übertreffen derzeit die gesamte Produktion von etwa 100.000 Litern - und schaffen andererseits auch die Sicherheit für neue Projekte. Neben dem weiteren Ausbau des Barriqueweins haben sich Vásquez und Alén für die nächsten Jahre vor allem einen guten Rotwein vorgenommen. Auch hier gibt es mehrere Traubensorten, die für den Ribeiro zur Auswahl stünden und wie auch beim Weißwein kaum Referenz-Weine, an die man sich anlehnen könnte. Aber auch hier ist das Risiko gering: Neudefinitionen vergessener Rotweine haben in Spanien derzeit Hochsaison. Wahrscheinlich noch länger. (DerStandard/rondo/Evelyn Rois & Bruno Stubenrauch/25/10/02)

Vina Meín bei Festival
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(Eingang Glatzg. 2), 1190 Wien
Tel: 01/369 60 61 14
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