Jagd, Wahnsinn, Rock'n'Roll

24. Oktober 2002, 19:12
1 Posting

Rocker Ted Nugent verkaufte 30 Millionen Platten und zählt auch als Jagdbuchautor zu den umstrittensten Figuren der Szene

Schon in seinem angestammten Beruf gilt der Mann aus Detroit als schwerer Fall. Nicht umsonst hat Ted Nugent, 53, seit Ende der 60-er Jahre solo und mit seiner ersten Band Amboy Dukes nicht nur insgesamt 29 Alben eingespielt und damit weltweit über 30 Millionen Stück verkauft. Der lange Zeit ausschließlich im Tarzan-Outfit auftretende, sich mit Liane über sein Publikum schwingende und Bogenschieß-Kunststücke vorführende und so gar nicht feinsinnige "Motor City Madman" vermittelt mit seiner Musik bis heute nicht nur unverändert primitivistischen Hardrock aus dessen Gründerzeit: Gitarre, Bass, Schlagzeug - auf sie mit Gebrüll! Auch mit den durchaus einer gestandenen politischen Unkorrektheit verpflichteten Texten auf programmatischen Alben wie Cat Scratch Fever, Call Of The Wild, Tooth, Fang & Claw oder Weekend Warriors, dem Durchbruch zur Weltkarriere mit Double Live Gonzo aus 1978 und gerade eben seinem aktuellen Album Craveman steht Ted Nugent dafür ein, dass Rock'n'Roll nicht nur eine liberale Befreiungstheologie ist, sondern auch ein reaktionärer Befreiungsschlag.

Seine zweite, heute zu Hause in den USA ungleich erfolgreicher als mit der Musik verlaufende Karriere festigte Ted Nugent im Jahr 2000 nicht nur mit seiner autobiographischen Anekdoten-Sammlung und vor allem auch den "politischen Betrachtungen" aus seinem Buch God, Guns And Rock'n'Roll, einem der laut New York Times in diesem Jahr meistverkauften Titel in den USA. Die zweite Karriere des TV- und Radio-Präsentators (Ted Nugent's Spirit Of The Wild), Herausgebers und Chefredakteurs der Zeitschrift Ted Nugent Adventure Outdoors Magazine, Zeitungskolumnisten in gegenwärtig über 50 Publikationen (Detroit News, Wall Street Journal . . .) und wegen seiner Offenherzigkeit bezüglich Frauen, der US-Waffengesetze und immer wieder den so genannten Liberalen beliebten Talkshow-Gastes von Programmen wie Larry King, Tom Snyder, Politically Incorrect und dem agressiven republikanischen Kampfhund, George W. Bush-Freund Rush Limbaugh, fußt seit gut einem Jahrzehnt vor allem auch auf der Jagd. Schwerpunkt Bogenjagd.

Damit befindet sich der seit jeher überzeugte Nichtraucher, Antialkoholiker und überhaupt mit Drogenkonsum auf Kriegsfuß stehende christliche Konservative in bester Gesellschaft nicht nur mit diversen US-Senatoren und -Gouverneuren, die Nugent zu seinem persönlichen Freundeskreis zählen darf. George W. Bush 2002: "Wir sind froh, dass es Sie gibt. Sie sind ein guter Mann." Da, wer auf die Jagd geht, auch Waffen braucht, ist dann natürlich auch die National Rifle Association mit ihrem Fürsprecher Charlton Heston nicht weit: "Noch niemand im Lauf der Weltgeschichte hat einen Bären mit einer Uzi gejagt. Die National Rifle Association unterbindet solchen Blödsinn." Für was gibt es auch in diesem Fall Präzisionsgewehre zu kaufen?

Von seiner 2000 Hektar großen Farm in Michigan aus organisiert Nugent heute allerdings auch Jagdsafaris für bis zu 350 Teilnehmer, die sich dann ihren Weg durch die US-Wälder schießen, veranstaltet Bogenschießkurse und Survival-Camps für Kinder - und rückt damit in oft gefährliche Nähe zu den hinterwäldlerischen rechtextremistischen US-Milizen, die wie er einen tiefen Hass gegen die Bürokratie in Washington hegen und sich bis zu den Zähnen bewaffnen, um da draußen in der Natur nicht nur "gottgewollt" das Wild zu erlegen, sondern sich auch gegebenenfalls gegen "Feinde" von außen wie laut Nugent "Sandalen tragende sozialisitsche Vegetarier" zu verteidigen. Nugent: "Ich habe nichts gegen Vegetarier. Sie sind cool. Mit Ausnahme vielleicht eines Berglöwen-Steaks ab und zu ernähre ich mich seit 1969 ausschließlich von selbst geschossenen Vegetariern."

Zu finden ist diese Form von je nach Geschmack mildem bis explizitem Wahnsinn nach seinen Bucherfolgen Bloodtrials: The Truth About Bowhunting (1990) und besagtem God, Guns And Rock'n'Roll jetzt auch im gegenwärtigen US-Bestseller Kill It & Grill It. A Guide To Preparing and Cooking Wild Game And Fish. Gemeinsam mit seiner Frau Shemane Nugent einer recht klischeehaft wirkenden und für einen Macho-Hardrocker offenbar standesgemäß blondierten Blondine, die mit ihrer eigenen Organisation Queen Of the Forest offensichtlich durch urbane Liberalität moralisch gefallene Frauen wieder an das urzeitliche Lagerfeuer zurückbringen will, reitet Ted darin nicht nur wilde Attacken gegen Tierschützer, restriktive Jagdgesetze, industrielle Tierzucht (Stichwort: Hühnerfarmen), Alkohol und Drogen und den Lebensstil von Ozzy Osbourne. Neben zahlreichen Anekdoten aus der Welt der Schusswaffen und des Zweikampfes Mensch gegen "Bär, Piranhas, Löwen, Elche, Hauskatzen, kleine Kinder, verschreckte Frauen und alles andere, was gejagt und niedergestreckt werden kann" bekommen auch Organisationen wie Greenpeace ihr Fett weg: "Wenn die hier das Sagen hätten, würde es in den USA aussehen wie 1965 in der Ukraine."

Der Rest dieses Jagdbuches, bei der Nugent regelmäßig "die volle spirituelle Erektion eines räuberischen Wesens" bekommt ist mit vollmundiger Sprache 50 Rezepten gewidmet, die im Wesentlichen darauf beruhen, dass man mit Packerlsuppe und Instant-Grillgewürzen in Scheiben geschnittene Tiere würzen und auf dem Grill braten kann, die man zuvor über Nacht in Coca Cola mürbe gemacht hat. Laut Los Angeles Times handelt es sich bei Kill It & Grill It schon jetzt um eines der zehn besten Kochbücher aller Zeiten. Was für Zeiten, was für Sitten. Gegen den Hunger und die Armut in den US-Ghettos empfiehlt Nugent übrigens der Bevölkerung dort allen Ernstes, sich zu bewaffnen und im Falle New Yorks in die Wälder draußen in New Jersey zu ziehen. Die Bärensaison soll heuer sehr gut sein. Was wurde eigentlich aus dem guten alten Raubüberfall?! Ein Bestseller, wie er gegenwärtig nur in den USA einer werden kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26./27.10.2002)

Von Christian Schachinger
  • Ted Nugent
    foto: sony

    Ted Nugent

Share if you care.