Der Polizeichef, der den Sniper stoppen will

23. Oktober 2002, 20:26
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Im Einsatz gegen den Heckenschützen von Washington: Charles Moose.

Als Chief Charles A. Moose, Leitender Polizeibeamter von Montgomery County, vor den TV-Kameras zunächst unter Tränen alle Eltern beschwor, sich um ihre Kinder zu kümmern, und ein paar Tage später die Medien beißend kritisierte, sie hätten beinahe die Untersuchungen der Sniper-Attentate mit der Veröffentlichung geheimer Informationen boykottiert, war niemand, der ihn kannte, überrascht.

Vera Katz, Bürgermeisterin von Portland in Oregon und Mooses ehemalige Vorgesetzte, meinte: "Er hat Dummheit schon immer schwer ertragen, insbesondere in den Medien. Ich habe ihn beobachtet, und was ich sah, war der Moose, den ich kannte: sehr intensiv und sehr professionell."

Viele seiner 1000 Mitarbeiter im Stab des Polizeiapparates von Montgomery County applaudierten ihm: "Er sagt, was wir uns denken." Tatsächlich zeigte Chief Moose während der letzten schwierigen Wochen eine ganze Palette von Emotionen, die von Humor bis zu Tränen und von Trauer bis zu Zorn reichen.

Auch der Frust angesichts der Machtlosigkeit der Polizei ist ihm anzusehen. Trotzdem zeigte er in einer relativ ungewohnten Situation außergewöhnliches "G'spür" und Charisma - nicht nur musste er sich oft mehrmals täglich vor einer ganzen Nation im Fernsehen verantworten, sondern er war bis dahin Polizeichef in einer Region gewesen, in der es verhältnismäßig wenige Verbrechen gab: Im gesamten vergangenen Jahr wurden in Montgomery County (das an Washington D.C., eine der gefährlichsten Städte der USA, grenzt) nur 19 Morde strafrechtlich verfolgt.

Die Karriere des 49-Jährigen begann 1975 in Portland, wo Moose sich vom Streifenpolizisten zum Polizeichef hinaufarbeitete und dies sechs Jahre lang blieb. Die relativ wohlhabende Verwaltung von Montgomery County im Bundesstaat Maryland warb ihn 1999 mit einem verlockenden Jahresgehalt von 125.000 Dollar ab; in erster Linie, um "racial profiling"-Vorwürfen entgegenzutreten: Moose, der selbst schwarz ist, rüstete jeden Streifenpolizisten mit einem Handcomputer aus, in dem Rasse, Geschlecht und Alter angehaltener Personen festgehalten wird - eine Ausgabe, die sich viele andere Regionen nicht leisten können.

Chief Moose, der bereits zwei erwachsene Kinder hat, ist das, was man einen "cop's cop" (einen Polizisten für Polizisten) nennt, und bei seinen Mitarbeitern sehr beliebt. Dabei mag auch mitspielen, dass Moose trotz seiner gehobenen Stellung noch immer seine Uniform trägt.

Sein Vorgesetzter in Montgomery County, Doug Duncan, ist trotz der immer noch düsteren Situation bei der Fahndung nach dem Sniper äußerst zufrieden mit Moose. "Er hat natürliche Führungstalente. Und er lässt niemanden im Unklaren darüber, was er sich denkt." (Susi Schneider, DER STANDARD Printausgabe 24.10.2002)

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