"Dichand ist der Präsident"

28. Oktober 2002, 10:16
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Die Journalistin Nathalie Borgers brachte "Krone"-Macher dazu, sich und ihr Kleinformat vor der Kamera selbst zu entlarven

So schnell waren die beiden Vorstellungen bei der Viennale ausverkauft, da können schon Gerüchte aufkommen: "Krone"-Chef Hans Dichand habe alle verfügbaren Karten sofort aufkaufen lassen.

Dienstagabend, 20.30 Uhr im Stadtkino, augenfällige Entwarnung: Der Saal ist voll bis auf den letzten Platz. Mit Menschen, die geschlossen auflachen, wenn Hans Dichand und Thomas Klestil beim Gugelhupf über den ungeliebten Kanzler und "Krone"-Weihnachtsbilder plaudern. Eher unwahrscheinlich also, dass sie der 81-jährige Herausgeber geschickt hat, damit möglichst wenige Menschen die Dokumentation "Kronen Zeitung. Tag für Tag ein Boulevardstück" zu Gesicht bekommen. Und unter diesen Menschen wird nur ein einfacher "Krone"-Redakteur entdeckt, der danach gleich seinem Chef berichten muss.

Noch einmal, am Donnerstag, läuft die herausragende Dokumentation bei der Viennale. Ausverkauft. Freitagabend um 22.15 Uhr, strahlt Arte sie aus. Auch Anlass für Verschwörungstheorien. Seit bekannt ist, dass das deutsch-französische Kulturprogramm die einstündige Sendung übernimmt, "kommt Arte im Fernsehprogramm der 'Krone' nicht mehr vor", sagt Viennale-Chef Hans Hurch. Bis auf wenige Irrtümer stand es dort tatsächlich zum letzten Mal Ende Mai 2002. Und: "Die Viennale kommt in der 'Krone' auch nicht mehr vor."

Das harte Arte-Schicksal möchte sich der ORF offenbar ersparen: "Ich glaube nicht", erfährt man auf dem Küniglberg, fragt man nach einer Ausstrahlung der Doku von Nathalie Borgers, die Kanzleramt und Wiener Filmfonds unterstützt haben. Klärung wird versprochen, ein Rückruf unterbleibt. Dabei könnte Borgers aus dem Material eine vielteilige "Sitcom machen".

Die Dokumentation lässt vornehmlich die Protagonisten selbst zu Wort kommen, von Dichand bis Martin.

Was lernte die Belgierin Borgers in einem Jahr Recherche und Dreharbeiten über ein Kleinformat, das fast die Hälfte aller Österreicher ab 14 konsumieren? "Am Anfang habe ich gedacht, sie übertreiben." Aber: "Hans Dichand ist der Präsident von Österreich. Er hat Macht, wie ich sie noch nie gesehen habe."

Wie reagierte Dichand, als er die fertige Doku sah? "Wir haben schon andere Sachen überlebt", zitiert ihn Borgers. Hinter ihrem Rücken will sie dann aber vernommen haben: "Der Film möchte mich hinrichten." (DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2002)

  • Artikelbild
    foto: viennale
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