STANDARD: Riehl-Heyse 2001: "Große Qualitätszeitungen können nur unter großer Freiheit und unbedrängt von den Kaufleuten entstehen." Müssen wir uns um die "SZ" sorgen?
Riehl-Heyse: Das sollten Sie nicht. Es ist schon wahr: Wenn ich mir meine Vorlesungsreihe in Wien von vor eineinhalb Jahren anschaue, die jetzt als Buch veröffentlicht wird, habe ich auch das Gefühl, dass ich das eine oder andere heute nicht mehr ganz so optimistisch formulieren würde. Prinzipiell glaube ich aber nach wie vor, dass es einen großen Markt für Qualitätszeitungen gibt, weil es Bedarf nach dieser Art von Zeitung gibt. Die Angebote würden schlechter, würden die Kaufleute - die man sich auf ihrem Gebiet gar nicht kompetent genug wünschen kann - das alles alleine entscheiden.
STANDARD: Woher kommt Bedarf nach Qualitätszeitungen? Die Welt erklärt zu bekommen?
Riehl-Heyse: Informationen wurden in den vergangenen Jahren immer hastiger und kurzatmiger. Mit denen alleine kann keiner behaupten, er oder sie versteht die Welt. Richtig gute Tageszeitungen sind für eine Demokratie unerlässlich. Ohne gemeinsame Basis an Wissen für Wähler und Wählerinnen eines Landes wissen die überhaupt nicht, worüber sie abstimmen sollen. Die gute Tageszeitung ist eine der letzten Klammern der Gesellschaft, die total zerfuselt und zerfasert.
STANDARD: Wenn der Bedarf so groß ist, warum kaufen so viele Menschen Boulevardblätter?
Riehl-Heyse: Nicht alle Leute haben den gleichen Anspruch auf solide Information. Sagt mir aber jemand, es reicht ihm, was in Bild oder der Krone steht, entgegne ich: Das reicht dir nicht. Österreich ist ein Spezialfall. Der Erfolg der Kronen Zeitung hängt damit zusammen, dass über Jahrzehnte die Illusion erweckt wurde, das sei auch eine richtige Zeitung. Ganze Generationen sind mit dieser irrigen Meinung aufgewachsen, weil sie halt nie eine andere Zeitung gelesen haben. Ich kenne solche Menschen persönlich.
STANDARD: Beim Erklären der Welt müsste die "Frankfurter Allgemeine" am Sonntag nach Ihrem Geschmack sein.
Riehl-Heyse: Ich halte sie für eine sehr interessante Innovation. Ich würde den Kollegen sehr wünschen, dass es klappt. Hätten wir so etwas versucht: Heute könnten wir es uns nicht mehr leisten.
STANDARD: "Spiegel", "Focus" berichteten über Ihre wirtschaftlichen Probleme, worauf Sie in der "SZ" eine Art Grundsolidarität der Medien forderten. Die vermisst man auch in der "SZ" nicht selten.
Riehl-Heyse: Genau das habe ich in diesem Beitrag auch geschrieben: Wir sind selbst oft genug frech und mitleidslos, auch im Umgang mit anderen Medien; also erwarten wir selber kein Mitleid. Trotzdem muss man natürlich Seriosität bei der Recherche verlangen. Grundsolidarität heißt: Wir müssen uns einig sein, dass es da ein Kulturgut Zeitung gibt, das wir gemeinsam zu verteidigen haben. Da ist nichts gewonnen, wenn wir uns gegenseitig fertig machen.
STANDARD: Stefan Niggemeier ("FAZ") widersprach: Medienjournalismus sei "mit Steinen aus dem Glashaus werfen".
Riehl-Heyse: Dabei könnte einiges kaputtgehen, was man eigentlich nicht kaputtmachen sollte. Ich hab ja überhaupt nichts gegen Medienjournalisten. Medien sind schließlich immer wichtiger geworden in unseren Gesellschaften. Zwar habe ich gelegentlich Zweifel, ob unsere Leser jede einzelne Kaufabsicht eines Konzerns immer bis in alle Verwinkelungen so genau wissen wollen wie wir. Ich möchte gerne, dass man sich mehr mit Inhalten befasst, sich auseinander setzt und Leute angreift, weil sie Unsinn schreiben, und nicht so sehr darauf achtet, wem man eine reinwürgen kann, damit er möglichst geschäftlichen Misserfolg hat.
STANDARD: Die Krise lässt viele deutsche Blätter nachdenken über Kooperationen oder gar Fusionen. Wir in Österreich sind da mit der Mediaprint leidgeprüft.
Riehl-Heyse: Wenn am Schluss alles nur noch ein einziger Batz wäre, wäre das natürlich furchtbar. Aber es gibt Zeiten, wo man versuchen muss, rein geschäftlich zu kooperieren, um der Redaktion den Rücken freizuhalten. Ich bin für jeden Verleger dankbar, der ein paar Ideen hat, wie er die Zeitungen wieder in die schwarzen Zahlen kriegt. Solange er sich nicht einmischt in die redaktionellen Belange. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24.10.2002)
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