Es gilt der geschriebene Chat

23. Oktober 2002, 20:52
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SP-Chef Gusenbauer überrascht mit einer Festlegung Freund und Feind - Ein Kommentar von Samo Kobenter

Hilft's ihm oder schadet's ihm? Hat er's absichtlich getan oder ist es ihm passiert? Hält er sich daran oder ist ihm die starke Ansage so egal wie seinerzeit dem aktuellen Bundes- kanzler Wolfgang Schüssel die Ankündigung, als Dritter in die Opposition zu gehen?

SP-Chef Alfred Gusenbauer hat in den letzten zehn Tagen zweifelsohne die Geschichte eines an Höhepunkten noch nicht sehr reichen Wahlkampfes geschrieben. Nach der Anwerbung des TV-Moderators Josef Broukal, die durchwegs als gelungener Coup rezipiert wurde, sorgte Gusenbauer nun mit einer deutlichen strategischen Positionierung für den nächsten Paukenschlag: Sollte die SPÖ bei der Wahl Zweite werden, bleibt sie in der Opposition. Egal, ob sich trotzdem eine rot-grüne Mehrheit ausgehen sollte - wer eine rot-grüne Regierung haben wolle, müsse SPÖ wählen.

Das klingt zunächst gut gebrüllt, im Nachhall aber - nicht nur phonetisch - halb so stark. Zum einen geht Gusenbauer kein großes Risiko ein, wenn man sich seine persönliche Ausgangsposition vor Augen hält: Sollte die SPÖ tatsächlich von der ÖVP überflügelt werden, wird es gewiss nicht mehr an Gusenbauer liegen, über ihren Verbleib in der Opposition oder in einer wie auch immer zusammengesetzten Regierung zu entscheiden. Gusenbauer weiß, dass er die Wahl gewinnen muss - nicht nur, um Bundeskanzler zu werden, sondern auch, um in der SPÖ weiter die erste Geige zu spielen.

Zum anderen scheinen die Überlegungen, die hinter seiner Ansage stehen, doch eher von kühlen Optionsabwägungen als von überschäumenden Emotionen geprägt zu sein: Wenn die Einschätzung stimmt, dass die SPÖ ohnehin ungefährdet den ersten Platz ansteuert, muss er seine Ankündigung nicht wahr machen. Kommt es tatsächlich zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPÖ und ÖVP - worauf im Augenblick alles hinweist -, so könnte seine frühzeitige Festlegung doch noch einiges an potenziellen SP-Reserven in der Wählerschaft mobilisieren. Und es ist eine Aufforderung an jene Wähler, die zwischen Rot und Grün schwanken, auf der vermeintlich sicheren Seite zu bleiben. Risiko in beiden Fällen: null bis sehr gering.

Den weiteren taktischen Überlegungen der SPÖ beschert Gusenbauers forsche Ansage aber trotzdem ein zumindest unangenehmes, weil bewegungshemmendes Entwicklungspotenzial. Offenbar ist den roten Wahlkampfstrategen viel daran gelegen, die ÖVP möglichst lange in der schwarz-blauen Ecke festzuhalten und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel so fest wie möglich an seinen unglückseligen freiheitlichen Koalitionspartner anzubinden. Das hat Gusenbauer fürs Erste zunichte gemacht: Zwar ist eine schwarz-grüne Koalition eher eine arithmetische als politisch wahrscheinliche Variante, aber der ÖVP bringt es zusätzliches Argumentationsmaterial, mit dem sie ihre Absicht, nach allen Seiten offen zu bleiben, bequem untermauern kann. Und nichts wirkt im Wahlkampf besser als ein Trumpf, der einem vom politischen Gegner überlassen wurde.

Natürlich ließe sich jetzt einwenden, dass sich die Dinge bis zum Wahltag noch x-mal drehen und wenden werden. Noch ist Zeit genug, und wirklich aufgedreht hat vor allem die ÖVP noch nicht, sieht man von dem famosen Start ab, den sie vor allem dem raschen Handeln Schüssels nach der Selbstdemontage der FPÖ verdankte.

Bis zum 24. November wird noch manches im Orkus des Vergessens und des So-nicht-Gesagten oder -Gemeinten verschwinden, und wer weiß, was bis dahin den anderen Parteien noch alles einfällt.

Unter diesem Aspekt könnte die Festlegung Gusenbauers freilich wieder an Wert gewinnen: Wo alles in finsterer Ungewissheit verschwindet, leuchtet die kleinste Sicherheit umso heller. Und vielleicht hat ja die Minderheit der Experten Recht, die da meint, dass die Wähler weder Koalitionsoptionen noch Strategien wählen, sondern Parteien, die ihnen genau das anbieten. Auch im Chat.

(DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2002)

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