Rinder an die Urne!

23. Oktober 2002, 21:02
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Peter Vujica ladet in seiner Kolumne ein, sich in die Lage eines österreichischen Politikers zu versetzten

Auch auf die Gefahr hin, dass ich Sie jetzt unsäglich langweile, wende ich mich heute ausnahmsweise einem Thema zu, über das gegenwärtig jede(r) gerne redet oder schreibt. Schon schwant Ihnen wahrscheinlich Böses: Natürlich meine ich die Wahlen.

Rücksichtsvoll, wie ich nun einmal bin, erspare ich es Ihnen aber doch, zu den Hunderten von Meinungen über den Herrn S. oder den Herrn G. nun auch noch die meine über sich ergehen zu lassen.

Vielmehr lade ich Sie ein, sich mit mir in die Lage eines österreichischen Politikers zu versetzen. Denn wie immer Ihre Favoriten auch eingefärbt sein mögen, eines haben alle gemeinsam:

Am 24. November wollen sie möglichst viele Stimmen ergattern. So leicht sich so etwas sagt oder hinschreibt, so schwer ist dies bekanntlich zu bewerkstelligen.

Vor allem dann, wenn der zähe Kampf um die Stimmen ausschließlich mit konventionellen Waffen ausgetragen wird, die meistens nur aus rhetorisch überwiegend unbrillant vorgetragenen, mehr oder weniger frommen, obendrein auch noch altbekannten Lügen bestehen.

Wäre ich Politiker, würde ich sagen: Wenn mir schon keine neuen Lügen einfallen, dann muss ich mir eben ein stattliches Kontingent von Individuen erschließen, die mir vielleicht noch zuhören - oder, was das Beste wäre, gar nicht verstehen, was ich ihnen erzähle.

Das Wahlrecht für Ausländer scheint mir für einen Wahlsieg nicht mehr das geeignete Mittel. Angesichts des Fleißes, mit denen unser Innenminister selbige gerade während des Wahlkampfes abtransportieren lässt, wäre durch eine solche Maßnahme nur mit einem außerordentlich geringen Stimmenzuwachs zu rechnen.

Nein, nein, da muss man sich schon nach anderen Ressourcen umschauen. Und dafür gibt es doch schon den einen oder anderen viel sagenden Hinweis.

So hat der Chef einer der wahlwerbenden Fraktionen in aller Öffentlichkeit die Patenschaft über eine ganz bestimmte Sorte von Ausländern übernommen, deren Unterkunft und Verpflegung in Österreich glücklicherweise aufgrund einer seit der Monarchie gepflegten Tradition bis auf weiteres gesichert scheint:

Damit meine ich die vierbeinigen Insassen des Zoos in Schönbrunn. Wäre ich Elefant, Affe oder Gürteltier, würde ich nicht zögern, für jenen Politiker zu votieren, der sich öffentlich zu mir bekennt.

Natürlich würde ich mich nicht nur um die Stimmen ausländischer Vier- oder Sechsbeiner, Reptilien, Amphibien und Fische kümmern, sondern auch um die heimische Fauna, deren zweibeiniger Bestand ja schon von alters her als Wählervieh bezeichnet wird. Mag diese Artbezeichnung auch wirklich wenig schmeichelhaft sein, so kann man dieser in der österreichischen Gegenwart doch einige Gültigkeit nicht absprechen:

Da hat sich eine Nation pekuniär und sozial demontieren lassen wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Und jener Verein, der dieser Entwicklung hätte entschieden entgegen- wirken müssen, womit ich die Gewerkschaft meine, ist noch stolz darauf, dass dies mit "null Sekunden Streik" gegangen ist.

Angesichts solcher Geduld, die man ansonsten nur bei Rindern oder Eseln findet, müsste man jedem Wahlberechtigten, der Ende November wieder brav irgendwo sein Kreuzel macht, eigentlich ein Ehrengeweih überreichen. Dieses könnte er dann auch bei künftigen Wahlgängen und sonstigen politischen Anlässen tragen.

So gesehen wäre es, sieht man einmal von den Transportfragen ab, nicht ganz falsch, auch echten Rindern und vierbeinigen Eseln das Wahlrecht nicht länger vorzuenthalten.

(DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2002)

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