"Der Pianist": Lebenskräfte, aus dem Tod geschöpft

27. Juli 2004, 12:21
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Überleben im Warschauer Getto: Roman Polanski hat sich mit "Der Pianist" vorsichtig alten Narben genähert

Überleben im Warschauer Getto: Der in Polen gebürtige Regisseur Roman Polanski, als Kind selbst ein Opfer des Holocaust, hat sich mit "Der Pianist" vorsichtig alten Narben genähert. Nicht immer bewahrt er dabei den Mut zu einem fast dokumentarisch kühlen Film über die Angst.


Wien - Das wunderbare Überleben: Der Mann, der seine Erinnerungen aus dem Warschauer Getto der Jahre 1939 bis 1945 so lapidar betitelte, war, wie sein Sohn im Vorwort schreibt, dezidiert "kein Schriftsteller", sondern "ein Mensch, in dem die Musik lebte". Wladyslaw Szpilman (1911-2000), Pianist und Komponist, schrieb denn auch einen eher konventionellen Erlebnisbericht. Frei von Pathos schafft er es aber spielerisch, den "bedrohten Ameisenhaufen", in dem er damals sein Leben fristen musste, lebendig zu beschreiben.

Eine gute Vorlage für einen Film. Angeblich wollte Roman Polanski den Titelhelden seiner Adaption Der Pianist von einem Laien verkörpert sehen, einem "durchschnittlichen Burschen", wie es im Casting-Inserat hieß: "Schauspielerische Erfahrung nicht notwendig." Ein Nichtspiel wurde also angedacht, um das Manko von Spielfilmen gegenüber dokumentarischem Material zum Holocaust zu umgehen. Ein Blick auf den Schrecken, der Szpilmans peinigende Frage bis zur Ratlosigkeit immer wieder stellen sollte: "Welche Lebenskräfte konnte man aus dem Tod schöpfen?"

Der US-Schauspieler Adrien Brody, auf den man nach vergeblicher Suche nach "Laien" schließlich verfiel - er wurde wohl aufgrund seiner Präsenz als "Augenzeuge" in Terrence Malicks Kriegsfilm The Thin Red Line ausgewählt. Schon dort waren er und das übrige Ensemble auf weitgehend passive Beobachterrollen reduziert, mithilfe derer die Aufnahmen von Horror und Verwüstung gespiegelt, aber weitgehend unkommentiert nicht "aufgelöst" werden.

Denn nahezu alles ist lächerlich, wenn man an konventionelle Inszenierungen von Tod, Krieg, Verwüstung und Terror denkt: Malick suchte (und fand) den Ausweg im Zugang eines Naturfilmers und gleichzeitig - darin Stanley Kubrick in Full Metal Jacket verwandt - in einem Bekenntnis zu "künstlicher" Überhöhung und Zuspitzung, die Identifikation nicht zulässt, weil die Inszenierung in einer Art Verfremdungseffekt ausgestellt wird.

Dies hätte man nun auch von Roman Polanski erwartet, der einst Schindlers Liste nicht inszenieren wollte, weil er ihm "zu nahe" ging. Und wenn er sagt, dass er Szpilmans Memoiren wählte, weil darin immer noch Hoffnung zum Ausdruck komme, dann muss man dies keinesfalls als Bekenntnis zu großem Emotions-kino deuten: In der Gestalt des Pianisten findet man wohl Polanskis eigenen Willen zum Weitermachen (und Weiter-Kunst-Machen) wieder. Und in Polanskis Kunst, da war der Schrecken nie eine Frage von Gut oder Böse, sondern immer ein hochartifizielles Konstrukt "verrückter" Blicke und als solches auch immer sehr nahe bei der Komödie.

Keineswegs komisch, bestenfalls auf barbarische Weise bizarr ist denn auch eine Horrorszene in Der Pianist, in der Polanskis virtuose Verdichtung am deutlichsten zum Tragen kommen: Ein Kind hat außerhalb des Gettos Essen geholt. Während Szpilman verzweifelt versucht, es durch ein kleines Loch zurückzuziehen, wird es, praktisch schon in seinen Armen, von draußen erschlagen.

Sichtbehinderung

In solchen Momenten reduziert sich der Bildausschnitt - ähnlich wie schon in Ekel oder Der Mieter - auf wenige teuflisch verknüpfte Details und Motivationen. Wie viel Grauen wartet, so denkt man, noch - im Off, wo man gerade nicht hinschauen kann und will?

Bedauerlicherweise dominiert aber in Der Pianist immer dann, wenn die Bilder zu Totalen aufreißen, jenes gepflegte und rechtschaffene Ausstattungskino, das gegenwärtig europäische Koproduktionen so verwechselbar erscheinen lässt: Ein Hang zum Pappmaché, der an Open-Air-Theaterspektakel erinnert, auch wenn die Bedingungen im Warschauer Getto von den Ausstattern akribisch recherchiert wurden. Und in dieser Kulissenwelt, die halt manchmal doch "falsch" wirkt, obwohl in ihr niemand Fehler gemacht hat, mildert sich irgendwann auch einmal die Radikalität Polanskis zum konsumablen Massentableau.

Vor allem in Polen haben Kritiker und Kinogeher immer wieder kritisiert, dass der Regisseur Szpilman zu wenig zum "Helden" gemacht habe und ihn gleichzeitig von einem deutschen Offizier (Thomas Kretschmann) retten lasse. Das erscheint vor der Tatsache, dass Szpilman - wenig heroisch - dies tatsächlich erlebte, ein wenig verbohrt. Im Gegenteil: Gerade hier hätten Regie und Drehbuch ruhig noch ein wenig ausführlicher der grotesken Wirklichkeit folgen können.

Szpilmans Retter, der Offizier Wilm Hosenfeld, geriet in russische Gefangenschaft. Seine Berichte über seine Hilfsaktionen wurden als Lügen und Ausreden interpretiert, er wurde gefoltert und starb schließlich 1952 in einem Lager in der UdSSR. Diese Geschichte, in Der Pianist nur kurz angerissen, wäre eigentlich das ideale Drama für Polanski gewesen: Ein Mann in Bedrängnis. Wo lag seine Schuld? Und wo beginnt die seiner Peiniger? Oder sind sie alle dazu verurteilt, mit mehr oder weniger irrem Blick wahrzunehmen, dass sie die Übersicht verlieren? (DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2002)

Von Claus Philipp

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thepianist- themovie.com
  • Artikelbild
    foto: tobis studiocanal
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