200.000 bis 300.000 Österreicher haben erhebliche Lese-Schwierigkeiten

23. Oktober 2002, 12:20
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Immer noch das Hauptproblem: Erhebung wasserdichter Daten über Verbreitung des Analphabetismus

Graz - Der Analphabetismus in Österreich stand im Mittelpunkt einer Enquete am Mittwochvormittag in Graz. Laut einer Studie der OECD wird die Zahl jener Personen, die Schwierigkeiten haben, einen alltäglichen Text zu lesen bzw. zu schreiben auf 200.000 bis 300.000 Österreicher geschätzt, betonte am Mittwoch der steirische Landtagspräsident Reinhold Purr anlässlich der Eröffnung der Landtags-Enquete. Die österreichweite Versorgung mit dementsprechenden "Nachhilfekursen" ist allerdings ebenso unbefriedigend, wie die Erhebung von Daten.

Merkmale

Sie haben Probleme, sich in fremden Städten zu orientieren, da sie weder Straßen- noch Türschilder lesen können, Beipackzettel werden nicht verstanden und sogar die Zubereitung der Babynahrung kann problematisch werden - wenn man die Anleitung nicht lesen kann. Geschätzte 50.000 Steirer haben mit dem Problem des so genannten funktionellen Analphabetismus zu kämpfen. Für sie sind trotz ihrer Absolvierung der Volksschulausbildung Zeitungs- oder Buchtexte so wenig verständlich wie chinesische Schriftzeichen.

"Für die Betroffenen bedeutet das Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags aber auch Nachteile am Arbeitsmarkt bis hin zum Rückzug von der öffentlichen Kommunikation und dem Verzicht am Gang zur Wahlurne", so Otto Rath. Der Leiter des Vereines für innovative Sozialprojekte (ISOP) bietet seit sieben Jahren Kurse für Betroffene in der Steiermark an. Seine Institution ist damit eine der lediglich vier Stelle in Österreich, die ein dementsprechendes Angebot aufweisen. Neben der Steiermark haben nur noch Menschen in Wien, Linz und Salzburg die Möglichkeit, ihr Bildungsdefizit durch den Besuch eines Kurses wieder wettzumachen.

Daten fehlen

Als einen blinden Fleck in der österreichischen Bildungsgeschichte bezeichnete Edith Zitz vom Landtagsklub der Grünen die Datenlage. So fänden sich in der amtlichen Statistik keinerlei Informationen zum funktionellen Analphabetismus. Weiters habe Österreich "nicht ein einziges Mal" an internationalen Forschungen teilgenommen, bei denen die Rate der funktionellen Analphabeten erhoben wurde, so Zitz, die daran erinnerte, dass der Landtag schon im Mai beschlossen hat, an die Bundesregierung herantreten um diese zu einer Erhebung der relevanten Daten zu bewegen.

Die Tatsache, dass Erwachsene wieder zu Analphabeten werden können, sei ein Phänomen, auf das etwa die Berater vom Arbeitsmarktservice zunehmend stoßen würden - wenn nämlich Arbeitssuchende die Formblätter nicht ausfüllen können, so Zitz. "Oft greifen die Betroffenen zu Täuschungsmanövern und kommen mit einer verbundenen rechten Hand oder beteuern, den Text nicht lesen zu könne, weil sie die Brille zu Hause vergessen hätten", so Rath. Antje Doberer-Bey von der Volkshochschule Floridsdorf fasste die Forderungen der vier Organisationen, die sich der funktionellen Analphabeten annehmen, zusammen: Unter anderem wünscht man sich einen österreichweiten Ausbau des Kursangebotes , die Integration des Themas in die Curricula von Sozialakademien und die Schaffung von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die es Betrieben ermöglichen, Partner in einer flächendeckenden Alphabetisierungsoffensive zu werden.(APA)

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